Vermittler zwischen Einheitsgewerkschaft und Katholizismus
Das gewerkschaftspolitische Engagement von Oswald von Nell-Breuning SJ*
Wolfgang Schroeder
Der Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning war Zeit seines aktiven Wirkens in Kirche und Politik ein streitbarer, auf politische Wirksamkeit bedachter, kirchlicher Intellektueller. Seine Positionen als Gesellschaftslehrer, Sozial- und Wirtschaftsexperte waren früher häufig umstritten, vor allem innerhalb des Katholizismus. Heute beziehen sich fast alle gesellschaftlichen Kräfte in irgendeiner Weise positiv auf sein Werk. Wie läßt sich diese späte Ehrung erklären?
Im folgenden sei versucht, Ziele und Resonanz Nell-Breunings in einem exemplarischen Konfliktfeld zu verdeutlichen: am Beispiel der innerkatholischen Gewerkschaftsdebatte der 50er Jahre. Dieses Feld bietet sich zunächst ob des besonderen Interesses an, mit dem Nell-Breuning die Entwicklung des Deutschen Gewerkschaftsbundes nach 1945 verfolgte. Hinzu kommt, daß er eigentlich erst durch die Gewerkschaftspolitik einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Das entscheidende Ereignis, mit dem sein Bekanntheitsgrad als politisch intervenierender kirchlicher Intellektueller sprunghaft anstieg, ist auf das entschiedene Vorgehen gegen den sozialistischen Gewerkschaftspolitiker Viktor Agartz (1954/55) zurckzuführen.
Nell-Breuning kam erst relativ spät mit gewerkschaftspolitischen Fragen in Berührung. In seiner ersten Veröffentlichung zur Gewerkschaftsproblematik 1948 - eine dreiteilige Aufsatzreihe in der "Orientierung" - führte er die Entstehung der Einheitsgewerkschaft alleine auf das Diktat der Besatzungsmächte zurück. Diese Einschätzung revidierte er in den fünfziger Jahren, als er durch engere Kontakte mit den ehemaligen christlichen Gewerkschaftern, über die Vorgeschichte ein tieferes Bild gewann. Nell-Breuning bemühte sich mit steigender Intensität seit Ende der vierziger Jahre um eine Vermittlung zwischen der normativen Ebene der katholischen Soziallehre und der Politik der Einheitsgewerkschaft. Mit diesem Ziel betätigte er sich in der gewerkschaftlichen und innerkirchlichen Schulungsarbeit, schrieb Aufsätze, unterstützte die katholischen Einheitsgewerkschafter und führte Gespräche mit den DGB-Führungen um Hans Böckler, Christian Fette, Walter Freitag und Willi Richter.
Die 1945 erfolgte Gründung der Einheitsgewerkschaft wurde von Teilen der Kirche und des Katholizismus mit viel Skepsis betrachtet. Versuche an die Christliche Gewerkschaftstradition der Weimarer Republik anzuknüpfen, bestimmten in den 50er Jahren den innerkatholischen Streit um den richtigen Weg in der Gewerkschaftspolitik. Die innerkatholische Gewerkschaftsdiskussion war eingebunden in eine starke Polarisierung zwischen SPD und CDU, eine zunehmende Enttäuschung des Katholizismus über die Entwicklung der CDU, bei gleichzeitiger Unterstützung für diese Partei. Hinzu kam, daß die Mitglieder des DGB mehrheitlich sozialdemokratisch orientiert waren und neben der personellen Überschneidung eine größere programmatische Nähe zwischen SPD und DGB als zwischen CDU und DGB bestand. Mit der Gründung der Christlichen Gewerkschaft im Jahre 1955 erreichte der innerkatholische Gewerkskchaftsstreit seinen negativen Höhepunkt.
1. Gewerkschaftstheorie
Sein Anliegen war es, in der Gewerkschaft für Toleranz gegenüber den katholischen Anliegen zu werben, und im Katholizismus die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Arbeit für eine gerechtere gesellschaftliche Ordnung zu vermitteln. Dies kam in den 50er Jahren einem Balanceakt gleich. Häufig standen die Mehrheit der Bischöfe, ganze Verbandsführungen, wichtige Personen in der Gesellschaft Jesu und ein Großteil der katholischen Presse seinen Bemühungen skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Die Diskussion über Gefahren und Chancen der Einheitsgewerkschaft im Katholizismus wurde bestimmt durch eine negative Beschreibung ihrer ökonomischen, politischen und ideologischen Auswirkungen. Dabei standen zwei Probleme im Vordergrund: Erstens die Eigenständigkeit des Katholizismus und zweitens das Problem der Einordnung der Gewerkschaften in die vorgegebene ökonomische und politische Ordnung (Ordnungsfaktor). Viele DGB-Gegner im Katholizismus glaubten beide Ziele durch eine Christliche Richtungsgewerkschaft eher erreichen zu können.
Im Hinblick auf die kirchlichen Interessen vertrat Nell-Breuning die Position, daß die aktive Mitarbeit der KatholikInnen der wichtigste Garant dafür sei, daß der DGB nicht gegen die normativen Prämissen der katholischen Gesellschaftslehre verstoße. Die katholischen Arbeitervereine waren für ihn der Ort, wo die weltanschaulichen Voraussetzungen erarbeitet werden, auf deren Grundlage die katholischen ArbeiterInnen im DGB wirken.
Im Hinblick auf die ordnungspolitische Einordnung der Gewerkschaften war Nell-Breuning im Gegensatz zu seinen entschiedensten katholischen Gegenspielern, wie Goetz Briefs, Gustav Gundlach und Johannes Even, optimistisch. Zudem entschärfte er diese gegen die Gewerkschaften gerichtete Diskussion, indem er sie auf die grundsätzliche Frage, nach der Integration gesellschaftlicher Kräftegruppen in die vorgegebene Ordnung zurückführte: Wir müssen "versuchen den derzeitigen unorganischen Pluralismus organisierter Interessentenhaufen (Gewerkschaften, Mittelstandsblock, Heimatvertriebene) zu überführen in einen organischen Pluralismus, sprich Berufsständische Ordnung. Solange diese Aufgabe nicht angepackt wird, kommen wir aus der latenten Verfassungskrise nicht heraus und sind Gebilde wie Gewerkschaften, Mittelstandsblock usw. durch ihr bloßes Dasein staatsbedrohend, d. h. diesen Staat mit dieser formaldemokratischen Verfassung sprengend".
Gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Gewerkschaften lehnte er ab. Stattdessen vertrat er die Auffassung, daß sich Umfang und Zielrichtung der gewerkschaftlichen Aufgaben aus der Geschichte der Gewerkschaften, ihrer Satzung, bei Anerkennung des Sittengesetzes und des Gemeinwohles ergeben müßten. Dies alles bedürfe jedoch der demokratischen Legitimation durch die Mitgliedschaft, könne also nicht von außen durch Gesetz oder andere nichtgewerkschaftliche Einflüsse und Gruppen entschieden werden.
Die Einheitsgewerkschaft ist für Nell-Breuning nicht primär ein Zusammenschluß von Mitgliedern unterschiedlicher Parteien, sondern vor allem ein Bund von Anhängern unterschiedlicher Weltanschauungen. In diesem Zusammenschluß sah er einerseits eine zentrale Voraussetzung für eine gerechte gesellschaftliche Ordnung. Andererseits sah er darin einen Garanten für ein nichtintegralistisches Verhalten der katholischen Arbeiter. Denn die Zusammenarbeit von katholischen, evangelischen und sozialdemokratischen Arbeitern könne nur funktionieren, wenn sie auf einer gemeinsamen Verständigungsbasis aufbaue. Deshalb sprach er auch von "sachliche(r) Zusammenarbeit bei Verschiedenheit des weltanschaulichjen Ausgangspunktes". Aus der Verschiedenheit der Herkunft und der vorhandenen Gemeinsamkeiten leitete er für die Zusammenarbeit folgende These ab: "Je schmäler die gemeinsame weltanschauliche Basis (je kleiner die Zahl der übereinstimmend anerkannten Werte), umso enger muß der Wirkungskreis gezogen werden".
2. Stellung im kirchlichen und gewerkschaftlichen Konfliktfeld
Die "Zähmung der Gewerkschaften" und die Akzeptanz des DGB im Katholizismus waren die beiden wichtigsten Ziele, die Nell-Breuning im Hinblick auf die Einheitsgewerkschaft verfolgte. Von folgenden Schritten erwartetre er einen Beitrag für diese Ziele: 1. durch eine aktive und engagierte Mitarbeit von KatholikInnen auf der Basis einer Doppelorganisierung (Mitglied des Arbeitervereins ujnd des DGB). 2. Durch eine diskursive Verständigung und Konfliktlösung (Gespräche) sowie 3. durch machtpolitische Einflußnahmen mit dem Ziel der Ausgrenzung sozialistischer Kräfte (Druck und Drohung mit einer Spaltung). Um etwas besser zu verstehen, welchen konkreten Problemen er bei seinem Gewerkschaftsengagement ausgesetzt war, wollen wir seine Stellung in Katholizismus und DGB anhand seines Verhältnisses zu den wichtigsten Gruppen, in diesem Kräftefeld analysieren.
Die katholische Arbeiterbewegung: Auf der anderen Seite der Barrikade
Die KAB ist einer der wichtigsten Akteure in der innerkatholischen Gewerkschaftsdebatte. Von ihr versprach er sich eine "Wirksamkeit...in den gewerkschaftlichen und politischen Raum, jedoch ohne Anlehnung an eine politische Partei". Nach einer anfänglich guten Zusammenarbeit, verschlechterte sich Nell-Breunings Beziehung zur KAB-Führung seit 1948 zusehends. Erste größere Belastungen im Verhältnis zur KAB traten deshalb auf, weil sich Nell-Breuning bei den Bischöfen für die Förderung von anderen Arbeiterorganisationen neben der KAB aussprach. Er tat dies z. B. durch ein Gutachten zur Verteidigung des Betriebsmännerwerks und durch ein Plädoyer für die CAJ. Der Verbandspräses Hermann-Josef Schmitt monierte dies: "Meinen Mitarbeitern hier hat es Schmerz bereitet, dass Sie und einige Ihrer Mitbrüder aus dem Orden doch sehr stark der Männerarbeit das Wort reden und durch diese Unterstüzung der Männerarbeit uns den Aufbau der katholischebn Arbeiter-Vereine erschwerten. Sie werden sich kaum vorstellen können, was es bedeutet, wenn wir die Arbeitervereine betonten und uns entgegengehalten wurde; Prof. von Nell und diese und jene Herren der S. J. haben sich doch ganz der Männerarbeit verschrieben und wollen doch nur am Rande noch etwas von den katholischen Arbeitervereinen wissen".
Obwohl der KAB-Verbandspräses ihn immer wieder um politischen Rat fragte und er mit einer gewissen Regelmäßigkeit Aufsätze in der KAB Presse veröffentlichte, wurde er nicht als offizieller Berater der KAB hinzugezogen. Selbst als Redner oder Diskutant wurde er in den zwölf Jahren von 1948 bis 1960 lediglich dreimal zu KAB-Veranstaltungen eingeladen. Stattdessen bevorzugte die KAB, Nell-Breunings Ordensbruder und Kontrahenten, den päpstlichen Berater Gustav Gundlach. Gleichwohl gab es auch einige gemeinsame Anliegen zwischen Nell-Breuning und der KAB, wie z.B. das Engagement für eine Verteidigung der Mitbestimmungsforderung nach dem Bochumer Katholikentag oder die gemeinsame Sympathie für eine verstärkte Miteigentumspolitik. Aber auch in diesen Feldern wirkte man in den 50er Jahren nur selten direkt zusammen.
Ein Beispiel für die Anfechtungen, denen Nell-Breuning wegen seiner Gewerkschaftsposition in der KAB und in römischen Kreisen ausgesetzt war, geben jene Vorgänge im Frühjahr 1954, im Anschluß an einen Vortrag Nell-Breunings über die Aufgaben der Gewerkschaften. In diesem Referat negierte er die These, daß es vorgegebene Aufgaben und Ziele der Gewerkschaften gebe. Daraufhin erschien eine Meldung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in der behauptet wurde, daß seine Ausführungen "in römischen Kreisen nicht ohne Widerspruch zur Kenntnis genommen worden" seien. In der "Ketteler-Wacht", dem Verbandsorgan der KAB, fand sich dieser Text einige Tage später fast wörtlich wieder. Beim Leser sollte mit dieser Meldung der Eindruck erweckt werden, als sei Nell-Breunings Gewerkschaftsverständnis unvereinbar mit dem der römisch-katholischen Kirche.
Seine Enttäuschung über diesen Angriff artikulierte Nell-Breuning nicht öffentlich, sondern in einem Brief an den Verbandspräses: "Daß die Ketteler-Wacht sich zu einem Angriff gegen mich hergeben würde, gehört zu den Dingen, mit denen ich am wenigsten gerechnet hätte; nun ist es in Nr. 7, die das Datum des 1. April trägt, Tatsache geworden". Nell-Breunings Recherchen ergaben, daß diese Meldung von Gustav Gundlach, dem päpstlichen Berater und Ordensbruder, in Umlauf gebracht wurde. Johannes Even, Schriftleiter der Ketteler -Wacht und Befürworter Christlicher Gewerkschaften, setzte diese Meldung dann im Kampf gegen Nell-Breuning ein. Für die KAB-Führung, die entschieden auf eine christliche Sondergründung hinarbeitete, war Nell-Breuning vielleicht der bedeutendste innerkirchliche Widersacher.
Während bspw. Briefs, Even und Gundlach auf eine politisch-weltanschauliche Polarisierung gegenüber der Sozialdemokratie setzten und mit Kritik an der herrschenden Politik der Adenauer-Regierung nur sehr sparsam umgingen, setzte Nell-Breuning auf eine gemeinsame Polarisierung von christlich-sozialen und reformerischen Sozialdemokraten gegenüber Kommunisten und entschiedenen Sozialisten.
Seine differenzierte und zuweilen auch sehr kritische Haltung den herrschenden ökonomischen Verhältnissen gegenüber machte ihn für die Gewerkschaftsmehrheit und die SPD zu einem wichtigen indirekten Bündnispartner. Gleichzeitig überforderte dies den mehrheitlich an der Adenauer-Erhard-Regierung orientierten Sozialkatholizismus. Ein Beispiel für diese These bietet der Bericht des KAB-Vorsitzenden aus Fulda, den dieser 1950 nach einem Vortrag Nell-Breunings schrieb: "Die Kritik von Prof. Dr. von Nell-Breuning war die weitaus schärfste Kritik, die ich bisher auf diesem Gebiet gehört habe und unsere Leute waren sprachlos darüber. (...) Du kannst Dir aber denken, wie die Feststellung des Professors wirkt, dass nach seiner Auffassung Dr. Erhard nur der Propagandist ist und die wirtschaftliche Praxis Leute unter ihm gestalten und die großen wirtschaftlichen Entscheidungen Leute über ihm treffen".
Nell-Breuning faßte seine Enttäuschung über die Entwicklung der KAB 1958 in einem Brief an den Verbandspräses Herrmann-Josef Schmitt zusammen: "Ich komme nicht darüber hinweg, daß die KAB dort stehen geblieben ist, wo sie in den 1920er Jahren stand, daß sie - kurz gesagt - den entscheidenden Durchbruch von Q.a. nicht mitgemacht hat. So wird in der KW (Ketteler-Wacht - Anm.) immer wieder als marxistisch angeprangert, was Pius XI. in Q. a. sagt: daß wir eine Klassengesellschaft haben, daß in dieser Klassengesellschaft ein ehrlich ausgetragener Klassenkampf nicht allein zulässig, sondern notwendig sei, die Arbeiterbewegung sich daher als Klassenbewegung und klassenkämpferisch verstehen muß."
Im Hinblick auf das Verhältnis der KAB zur Einheitsgewerkschaft kritisierte er die Politik der "Nadelstiche". Sein symbolkräftigstes Argument gegen die Befürworter einer christlichen Gewerkschaftsgründung in der KAB bestand im Hinweis auf die verheerenden Auswirkungen des innerkatholischen Gewerkschaftsstreites (1899-1918). Über Jahre hinweg hatte dieser Streit das katholische Lager gespalten, geschwächt und damit extrem belastet. Die Debatte der 50er Jahre verglich er damit.
Seine Kritik an der KAB war also eine dreifache:
1. Sie bezog sich zunächst auf die von der KAB verweigerte Zusammenarbeit mit ihm.
2. Dann bezog sie sich auf die theoretische Ebene: Hier monierte er, daß die KAB den Stand der kirchlichen Sozialtheorie nicht rezipiert habe.
3. Zuletzt kulminiert sie in der Kritik an der Ablehnung des Projektes Einheitsgewerkschaft. Durch die konkurrierenden Positionen in der Gewerkschaftspolitik sei eine gewisse Unvereinbarkeit gegeben: "Man kann nciht auf beiden Seiten der Barrikade zugleich stehen."
Der Episkopat: Die Loyalität
Ähnlich problematisch wie zur KAB entwickelte sich das Verhältnis zu den Positionen der deutschen Bischöfe. Nell-Breuning setzte sich ausdrücklich für die Autonomie der Gewerkschaften gegenüber Eingriffen von außen ein und bejahte innerkirchlich eine Aufwertung der Laien gegeüber den Klerikern. Auch wenn er selbst massiv auf die Gewerkschaften Druck ausübte, wies er die Bischöfe und Kleriker darauf hin, daß sie keine Berechtigung hätten , in rein gewerkschaftlichen Fragen für die Laien zu sprechen.
Als einige Bischöfe 1952 bekundeten, sie seien 1945 gar nicht gefragt worden, ob sie die Einheitsgewerkschaften wünschten, vertrat Nell-Breuning die Auffassung: "Es geht nicht darum, ob der Episkopat der Errichtung der Einheitsgewerkschaft zugestimmt hat, worum er selbstverständlich nie gefragt worden ist, sondern darum, ob die Bischöfe die Mitgliedschaft der Katholiken in der EG "tolerieren" bzw. "approbieren"; nur das fällt in ihre Zuständigkeit...."
Weil 1948 die kritischen Stimmen zur neuen Gewerkschaft evident zunahmen, beauftragte ihn der Limburger Diözesanbischof Dirichs mit einem Gutachten, das in der Bischofskonferenz zur Klärung beitragen sollte.Wenn auch unklar ist, welche Bedeutung dieses Gutachten für die bischöfliche Meinungsbildung besaß, so kann dies doch als ein Beleg dafür angesehen werden, daß die Positionen Nell-Breunings in den ersten Nachkriegsjahren noch eine gewisse Akzeptanz bei den Bischöfen fanden.
Im Frühjahr 1950 versuchte Nell-Breuning, Kardinal Frings davon zu überzeugen, daß die Kirche offensiver für die Einheitsgewerkschaft eintreten müsse: "Wir wissen nicht, welchen Weg die Einheitsgewerkschaft nehmen wird. Nur das wissen wir mit Sicherheit: wenn von uns keine ausreichende Kräftezufuhr erfolgt; wenn also die "anderen" die Sache allein machen müssen, dann werden sie sie nicht nur ohne uns, sondern auch gegen uns machen". In der Haltung des Klerus - so fuhr er in diesem Schreiben fort - sah Nell-Breuning die Gefahr, daß so die Einheitsgewerkschaft den "christentumsfeindlichen Mächten" zugetrieben werde: "Die derzeitige Haltung eines großen Teiles des Klerus scheint mir das, was man befürchtet, geradezu mit zwingender Notwendigkeit herbeizuführen. Man hat Hemmungen gegen die Einheitsgewerkschaft, spielt mit dem Gedanken der Wiedererweckung der - einst mit so viel Bedenken angesehenen! - christlichen Gewerkschaften und schwächt dadurch den Einsatz unserer Kräfte, der allein die Einheitsgewerkschaft auf ihrer satzungsgemäßen Linie festzuhalten vermag". Deshalb forderte Nell-Breuning den Kardinal auf: "es wäre angezeigt, den katholischen Arbeitern zu sagen, sie sollen in die Gewerkschaft hineingehen und sich für verantwortlikche Arbeit in der Gewerkschaft schulen. Und dem hochwürdigen Seelsorgeklerus sagen, er solle nicht die Einheitsgewerkschaft "miesmachen" und von christlichen Gewerkschaften träumen...". Kardinal Frings ließ sich überzeugen und rief am Vorabend des 1. Mai 1950 die katholische Arbeiterschaft auf, dem DGB beizutreten. Dies konnte Nell-Breuning ebenso als ein Ergebnis seiner Bemühungen begreifen, wie die Gegnerschaft der Diözese Limburg, in der er lebte, gegen eine Christliche Gewerkschaft.
Im gleichen Maße, wie die Mehrheit der Bischöfe und Ordinariate die befrüchteten Gefahren, die vom DGB für den Katholizismus ausgingen, in den Vordergrund stellten, verswchlechterte sich auch die Bedeutung Nell-Breunings für diesen Kreis. Und seine Versuche, neben der Kritik, die er an den Gewerkschaften übte, immer auch noch positive Entwicklungen und Tendenzen herauszustellen, stießen auf zunehmende Ablehnung.
Das politische Handeln Nell-Breunings war geprägt von einer außerordentlichen Loyalität gegenüber seinem Orden, den Bischöfen und dem Papst. Sowohl vor wie auch nach der Gründung der Christlichen Gewerkschaften verzichtete er auf eine kritische Kontroverse und hielt sich an ein zweijähriges öffentliches Redeverbot zu diesem Problem. Er bat auch seine Ordensbrüder, sich daran zu halten, "...denn schließlich sind es die Schäflein der Bischöfe und nicht die unsrigen, die wir in Verwirrung bringen, wenn wir offen etwas sagen, was der Linie eines oder mehrerer Bischöfe zuwiderläuft." Um so größer war die Resonanz, als er nach der Phase des Schweigens, im Jahre 1957, erstmals wieder einen öffentlichen Vortrag über die Gewerkschaftsproblematik hielt.
Der DGB: Gegen Links
Nell-Breuning analysierte drei politisch-weltanschauliche Strömungen im DGB der fünfziger Jahre: "einen breiten mittleren Block, umfassend eine sozialistische Mehrheit und eine christlich-soziale Minderheit, der für die Einheitsgewerkschaft einsteht...; einen christlich-sozialen Außenflügel, der zu Christlichen Gewerkschaften hinneigt, und einen schwer abzugrenzenden, vermutlich zahlenmäßig etwas stärkeren sozialistischen Außenflügel, der das Ausscheiden aller derjenigen Mitglieder wünscht, die die Gewerkschaft daran hindern, einen einseitig oder sogar radikal sozialistischen Kurs zu nehmen". Seine strategischen Überlegungen verfolgten das Ziel, den ersten Block enger zusammenzuschweißen. Deshalb stellte er ihre Gemeinsamkeiten gegenüber dem dritten Block in den Mittelpunkt seiner Argumentation und nicht ihre Unterschiede. Im Hinblick auf den zweiten Block hegte er die Hoffnung, daß dieser wieder in den ersten Block zu integrieren wäre.
Während "bei den der SPD angehörenden führenden Gewerkschaftsfunktionären, insbesondere beim Bundesvorstand des DGB, von Marxismus nicht mehr viel übrig geblieben (sei) gehe die "viel größere Gefahr ... (von) den weltanschaulich und politisch höchst wendigen Intellektuellen in Diensten der Gewerkschaften" aus. Die bedeutendsten intellektuellen Gegner von links, die, wie er, Einfluß auf die gewerkschaftliche Entwicklung zu nehmen versuchten, waren: Alfred Weber und Viktor Agartz. Nell-Breuning sah vor allem in Viktor Agartz die Personifizierung klassenkämpferischer Gewerkschaftspolitik. In diesem Sinne teilte Nell-Breuning die Gegnerschaft zu Agartz mit vielen führenden sozialdemokratischen und mit allen chrsitlich-sozialen Gewerkschaftsfunktionären.
Nach dem Frankfurter DGB-Kongreß 1954 trat eine Konstellation ein, in der Oswald von Nell-Breuning seine Vermittlungsfähigkeiten nicht nur als deutender, sondern auch als eingreifender Intellektueller unter Beweis stellen konnte. Viktor Agartz forderte im Hauptreferat dieses Kongresses das politische Initiativrecht der Gewerkschaften für eine Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft sowie eine Ablehnung des Wehrbeitrages. Damit sprach er quasi eine "Kriegserklärung" an die christlich-soziale und die sozialdemokratische Mehrheitslinie im DGB aus.
Im Anschluß an diesen Kongreß erfolgte von christlich-sozialer Seite eine in der Geschichte der bundesdeutschen Gewerkschaften beispiellose Offensive gegen einen führenden Sprecher des DGB, gegen Viktor Agartz. Ein Teil der Kritiker nutzte diese Mobilisierung zur Vorbereitung einer christlichen Sondergründung. Um dies zu verhindern, und gleichzeitig die DGB-Führung um Freitag sowie die Volksparteibefürworter in der SPD zu stärken, trat Nell-Breuning mit einer zugespitzten Polemik, wie sie die bundesdeutsche Gewerkschaftsöffentlichkeit kaum je zuvor gegenüber einem Gewerkschafter vernommen hatte, in die Offensive.
Vor den Werkgemeinschaften der christlichen Arbeitnehmer stellte er am 11. Januar 1955, in seinem Geschichte machenden Münchener Referat, die rhetorische Frage: "Wohin führt Agartz den DGB?". Seine Antworten lauteten: "Dr. Agartz führt I. in einen Irrgarten staats-, gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Wahnvorstellungen; II. er führt in den politischen und klassenkämpferischen Radikalismus; III. ...er führt in die Verantwortungslosigkeit; IV. er führt in die Spaltung des DGB".
Die entscheidende Wirkung dieses Referates bestand in der Androhung einer Spaltung, die nicht zwischen christlich-sozialen und sozialistischen Arbeitnehmern verlaufen würde, sondern mitten durch die sozialdemokratisch orientierte Arbeitnehmerschaft. Mit diesem Referat unterstützte er die DGB-Führung in ihrem Kampf gegen Viktor Agartz. Die Katholiken, die an ihrer Mitgliedschaft im DGB Zweifel hegten, erlebten Nell-Breunings- Intervention als deutliche Aufwertung ihrer Arbeit. Dies umso mehr, als sich zeigte, daß die Vorstellungen von Viktor Agartz im DGB keine Realisierungschancen besaßen und er sogar gegen Ende des Jahres 1955 aus den Diensten des DGB entlassen wurde.
Trotzdem konnte die Bewegung für eine christliche Gewerkschaft nicht gänzlich aufgehalten werden. Sie wurde aber geschwächt. In dem Münchener Vortrag argumentierte Nell-Breuning nicht ausdrücklich als Anwalt der christlich-sozialen Richtung im DGB. Vielmehr wurde er für einen Augenblick zum Sprecher all derer, die sich bisher nicht öffentlich getraut hatten, ihre Vorbehalte gegen Viktor Agartz zu artikulieren. Im Bündnis mit der DGB-Spitze um Walter Freitag, ja in dieser spezifischen Konstellation sogar als ihr Sprecher, konnte er sein Renomee im katholischen wie im gewerkschaftlichen Lager verbessern. Der Erfolg war jedoch nicht von langer Dauer.
Die Christlich-soziale Kollegenschaft: Der Unterstützer
Er lehnte den Druck, der von KAB und Sozialausschüssen auf den DGB ausgeübt wurde, ab, unterstützte aber die innergewerkschaftlichen Bemühungen der Christlich-Sozialen Kollegenschaft (CSK). Hierbei handelte es sich um einen Zusammenschluß junger katholischer Gewerkschafter, unter der Führung des Jesuitenpaters Herbert Reichel. Diese Gruppe wirkte von 1952 bis 1960 innerhalb des DGB. Wegen ihres fraktionsähnlichen Status und aufgrund ihrer Gegnerschaft zur Christlichen Gewerkschaftsgründung war sie sowohl im DGB als auch im Katholizismus umstritten. Nell-Breuning suchte sich schützend vor sie zu stellen, indem er ihre Arbeit öffentlich als Beitrag gegen "Radikalismus" sowie zur Förderung des christlich-sozialen Gedankengutes im DGB herausstellte.
Das publizistische Organ der Kollegenschaft, die "Gesellschaftspolitischen Kommentare", boten Nell-Breuning ein wichtiges Forum, über das er viel unmittelbarer auf die Gewerkschaftsdiskussion einwirken konnte, als über die außergewerkschaftliche Presse des Katholizismus. Konkrete Berührungspunkte gab es bei den Schulungswochenenden der CSK in Duisburg, bei Sitzungen des Zentralausschußes, zu denen er gelegentlich eingeladen wurde, und durch seine Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beirat. In der Kontroverse mit dem Agartz-Flügel gab es wohl das engste Zusammenwirken. Ansonsten waren der Zusammenarbeit zwischen Reichel und Nell-Breuning insofern Grenzen gesetzt, da ihr Bezug auf die Einheitsgewerkschaft von unterschiedlichen Grundpositionen ausging. Zudem wäre eine zu enge Kooperation auch kontraproduktiv für Nell-Breunings Ansehen im DGB wie auch im sozialen Katholizismus gewesen
Seit 1958 wurde das Verhältnis zur Führung der CSK um Herbert Reichel immer angespannter und distanzierter. Daß Nell-Breuning schwieg, als die Kollegenschaft im Oktober 1960 auf Betreiben von Herbert Reichel das "Experiment Einheitsgewerkschaft" für gescheitert erklärte, liegt ganz auf der Linie seines kirchen- und ordenloyalen Verhaltens. Hinzu kam noch, daß sein Verhältnis zum DGB in dieser Zeit sehr angespannt war.
Zwischen den Barrikaden: Der Vermittler
Für seine Vermittlungsrolle zwischen Katholizismus und DGB waren Unabhängigkeit und Distanz entscheidende Voraussetzungen. Es drufte nicht der Eindruck entstehen, als existiere eine quasi mechanische Solidarität zwischen Nell-Breuning und dem DGB.
Den stärker werdenden Spannungen zwischen DGB und Katholizismus seit 1952 versuchten Kirchen- und Gewerkschaftsvertreter durch offizielle Gespräche entgegenzutreten. In den sogenannten "Konfessionsgesprächen" (1953/1954) wurden die unterschiedlichen Grundvorstellungen dargestellt und Lösungswege ausgetauscht. Nell-Breuning, der an all diesen Gesprächen engagiert beteiligt war, hoffte, daß hiermit eine Form gefunden sei, mit der die Spannungen zwischen den katholischen Verbänden und dem DGB ausgeräumt werden könnten. Im Bundesvorstand des DGB unterstrich der DGB-Vorsitzende Walter Freitag die Bedeutung Nell-Breunings für diese Gespräche: "vor allem Prof. von Nell-Breuning (sei es) gewesen, der bei diesen Gesprächen vorzügliche und für den DGB wertvolle Gedanken entwickelt hat". Umso mehr war er enttäuscht, daß von katholischer Seite, im Anschluß an den Frankfurter DGB-Kongreß 1954, diese Gespräche für gescheitert erklärt wurden.
Dem Katholizismus mußte er andere Anknüpfungspunkte aufzeigen als den Gewerkschaften. Neben dem Hinweis auf die eigenen Erfahrungen mit den verheerenden Auswirkungen des Gewerkschaftsstreites betonte er in der inerkatholischen Diskussion die gemeinsame Wertebasis von Katholizismus und DGB. Im ausgesprochenen Gegensatz zum Kommunismus gingen beide von den Grundwerten der Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit aus. Gegenüber den Führeren des DGB akzentuierte er die Gefahr der Spaltung.
3. Resümee
Sein hohes Ansehen, das er bei der Gewerkschaftsmehrheit besaß, korrespondiert in dieser Auseinandersetzung mit einer prekären Situation im Katholizismus. Bei den Gewerkschaften basierte sein Ansehen vor allem darauf, daß er von allen einflußreichen Interpreten der katholischen Soziallehre, ihre konkrete Anwendung am weitesten in Richtung gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer Politik vollzog. Zudem war er ein wichtiger symbolischer Bezugspunkt.
Die Möglichkeit den Gewerkschaften entgegenzukommen, war über die eigenen Optionen und Situationseinschätzungen hinaus immer auch abhängig von der Loyalität zu seiner Kirche. So hat er viele Angriffe, die gegen ihn in der Öffentlichkeit vorgetragen wurden, unwidersprochen gelassen, um Kirche und Katholizismus nicht zu starken Belastungen auszusetzen.
*Erweiterte Fassung eines in der Orientierung Nr. 2 (1990) erschienenen Artikels. Wichtige Grundlagen, auf denen dieser Aufsatz basiert, sind: Schroeder, W. (1990a); ders. (1990b). Dort sind auch die wichtigsten Quellenangaben zu finden.