Index

Einleitung

Oswald von Nell-Breuning

"Oswald von Nell-Breuning, geb. in Trier am 08.März 1890, gestorben in Frankfurt am Main am 22. August 1991, deutscher katholischer Theologe und Soziologe, Jesuit, führender Vertreter der modernen katholischen Soziallehre. Ab 1928 Professor für Ethik und Christliche Soziallehre in Frankfurt am Main. Arbeiten zum Eigentumsrecht, Mitbestimmung und zu Problemen wirtschaftlichl-sozialer Gerechtigkeit, u. a. Wirtschaft und Gesellschaft heute, Streit um Mitbestimmung, Aktuelle Fragen der Gesellschaftspolitik, Arbeit vor Kapital." (Meyers großes Taschenlexikon).

Die folgenden Texte sind entnommen aus:

"Ein unbekannter Bekannter" Eine Auseinandersetzhung mit dem Werk von Oswald von Nell-Breuning, Festschrift zu seinem 100. Geburtstag am 8. März 1990, Kettelerverlag Köln 1990:

Der Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning beging am 8. März 1990 seinen hundertsten Geburtstag. Gefeiert wurde er als der "Nestor der katholischen Soziallehre" von Bischöfen und kirchlichen Vereinen, von Gewerkschaften und Parteien, von wissenschaftlichen und politischen Institutionen. Anläßlich seines Geburtstages würdigten ihn der "Rheinische Merkur" und "Publik-Forum", der "Pflasterstand" und die "F.A.Z.", auch die "Strimmen der Zeit" und die "Gewerkschaftlichen Monatshefte".

Ihm wird die herausragende Bedeutung eines politischen Intellektuellen zugesprochen, dessen Wirken für soziale Gerechtigkeit und "Gemeinwohl" steht. Gleichzeitig werden die erstaunliche Breite seiner wissenschaftlichen Kompetenzen sowie seine hohe politische Sensibilität gewürdigt. Nell-Breuning lehrte nicht nur über "Politik", sondern er machte sie auch "in erster Person". Harte Auseinandersetzungen scheute er nicht; politisch intervenierend griff er in gesellschaftliche Kontroversen ein. In diesem Sinne wirkte er als kirchlich gebundener Intellektureller in der bundesdeutschen Politik.

Man kennt ihn, den alten Jesuitenpater aus Frankfurt. Mit seinem Namen verbinden viele sozial und politisch Interessierte feste Vorstellungen: progressiver Kirchenmann, Gewerkschaftsfreund, sozialpolitischer Reformer ... Nell-Breuning ist also für viele ein Bekannter.

Ein Jahr vor dem hundertsten Jubiläum des ersten päpstlichen Sozialrundschreibens "Rerum Novarum (1891) kann Oswald von Nell-Breuning seinen hundertsten Geburtstag feiern. Damit kommt er erneut der offiziellen Sozialverkündigung der kirchlichen Hierarchie zuvor, die - so sein Vorwurf in Richtung Rom - ja schon damals "zu spät" gekommen sei. Trotz diesem und anderer Versagen war er der katholischen Kirche und ihrer Soziallehre Zeit seines Lebens praktisch und wissenschaftlich innigst verbunden.

Zwei weitere Jubiläen dieses Jahres sind ebenfalls erwähnenswert, weil auch sie Schlaglichter auf Werk und Wirken Nell-Breujnings werfen. Zunächst einmal blickt der Katholizismus in diesem Jahr auf den 1890 gegründeten "Volksverein für das katholische Deutschland" zurück. Diese Organisation leistete während ihrer dreiundvierzigjährigen Existenz durch intensive Bildungs- und Schulungsarbeit einen entscheidenden Beitrag dazu, den sozialen und politischen Katholizismus in Deutschland auf die ökonomischen und politischen Veränderungen in der modernen Gesellschaft einzustimmen. In der Tradition des Volksvereins steht auch Oswald von Nell-Breunings Werk, der seit den zwanziger Jahren auch einen regen Kontakt mit dem Verein pflegte.

Sein hundertjähriges Bestehen feiert auch der Deutsche Gewerkschaftsbund. Mit der 1890 erfolgten Bildung der "Generalkommission", dem ersten dauerhaften gewerkschaftlichen Dachverband, wurde eine entscheidende Weichenstellung für den Weg der organisierten Arbeiterbewegung unter industriekapitalistischen Bedingungen gesetzt. 1890 war der Gewerkschaftsgedanke in der katholischen Kirche und im Katholizismus umstritten. Der Gegensatz zwischen Sozialismus und Katholizismus verhinderte eine einheitliche Organisation aller abhängig Beschäfltigten. Kirchenamtliche Barrieren einer eigenständigen Organisation katholischer Christen in Gewerkschaften sowie die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung in weltanschauliche Richtungsgewerkschaften hat Nell-Breuning später kritisiert und dagegen den Gedanken der Einheitsgewerkschaft verteidigt. Sein Engagement für ein besseres Verhältnis von Katholizismus und Einheitsgewerkschaft wurde 1980 mit dem Hans-Böckler-Preis, der höchsten Ehrung des DGBs, gewürdigt.

Am 8 März 1890 wurde Oswald von Nell-Breuning als Sohn einer Trierer Gutsbesitzerfamilie geboren. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums beschloß er, Priester zu werden. Zunächst begann er aber seine Studien in den Fächern der theoretischen Physik und Mathematik. Was für uns heute erstaunlich ist, war für einen angehenden Priester in der Zeit scharfer Auseinandersetzung der Kirche mit den modernen Naturwissenschaften nicht außergewöhnlich. Nach vier naturwissenschaftlichen Semestern studierte er schließlich Philosophie und Theologie, später dann noch Rechtswissenschaft und - in einem autodidaktisch organisierten Studium - Nationalökonomie. Während seines Studiums trat er 1911 in die Gesellschaft Jesu ein; 10 Jahre später wurde er zum Priester geweiht.

Sein Interesse an sozialpolitischen Fragen wurde, wie er erzählte, als Jugendlicher und Student durch die Erfahrung des innerkirchlichen Gewerkschaftsstreits, sowie dann später durch die Priester Carl Sonnenschein (1876 - 1929) und Ludwig Wolker (1887 - 1955) geweckt. Während Sonnenschein ihn in die "soziale Studentenarbeit" einführte, verschaffte ihm Wolker einen Zugang zur Arbeiterbildung. Nach seinen Studien sah der Jesuitenorden für Pater von Nell-Breuning eine wissenschaftliche Laufbahn vor. Sie begann aber nicht an der Universität, sondern als Aufsatzschreiber und Vortragsreisender. Um die Jesuiten, die in Deutschland erst seit 1917 wieder offiziell zugelassen waren, ins öffentliche Bewußtsein zu bringen, bildete sich in Düsseldorf eine Gruppe von Ordensbrüdern, die mit Vorträgen von Stadt zu Stadt zogen. Ihre inoffizielle Bezeichnung lautete: Rede und Reise AG, abgekürzt: Rurag. Einer von ihnen war Nell-Breuning. Der "junge" Nell-Breuning wirkte also bereits in d n zwanziger Jahren als engagierter Arbeiter- und Erwachsenenbildner.

Zunehmend beschäftigte er sich angesichts von Inflation und Grundstücksspekulationen Ende der Weimarer Republik mit Fragen der Geld- und Bodenpolitik: Börse, Bank und Boden wurden zunächst zu Hauptthemen seiner Vorträge und Veröffentlichungen. Sein ökonomischer Sachverstand machte ihn bald zu einem gefragten (wenn auch nicht immer geliebten) Ratgeber und Referenten im "Volksverein für das katholische Deutschland", in den Christlichen Gewerkschaften, in Konsum-, Bau-, und Siedlungsgenossenschaften und in den katholischen Standesorganisationen. Nell-Breunings erste große wissenschaftliche Veröffentlichung war seine 1928 an der theologischen Fakultät zu Münster verfaßte Promotionsschrift: "Grundzüge der Börsenmoral". Noch im gleichen Jahr wurde er als Professor für Moraltheologie, Kirchenrecht und Gesellschaftswissenschaften an die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen nach Frankfurt/M. gerufen. Dieser Aufgabe ging er über 40 Jahre lang nach. Nur zwei Jahre nach seiner Ernennung zum Ordinarius, also im Jahre 1930, wurde er durch die Leitung des Jesuitenordens mit dem Entwurf des Sozialrundschreibens "Quadragesimo Anno" für Papst Pius XI. beauftragt. Der Kern dieser Enzyklika, gleichsam das Leitbild katholischer Gesellschaftspolitik, war die Überwindung "der Auseinandersetzung zwischen den Klassen" hin zu ihrer "einträchtiglichen Zusammenarbeit". Seine Vorarbeiten für diese Enzyklika stellten den ersten Höhepunkt in Nell-Breunings Biographie als gesellschaftspolitischer Berater für Funktionäre von Kirche, Regierung, Parteien unde Verbänden dar.

Mit seinen Vorträgen und Artikeln fiel er als wirtschafts- und finanzwissenschaftlicher Fachmann auf. Durch seine Vorarbeiten und seinen Kommentar zur Enzyklika "Quadragesimo Anno" rückte er in den Kreis der profiliertesten katholischen Gesellschaftstheoretiker. Aussagen über seine wissenschaftlichen Lehrer zu machen, fällt aber schwer, da er sich selbst in seinen frühesten Schriften nicht ausdrücklich auf einen oder mehrere Lehrer bezog. Bei aller Kritik, die er im einzelnen an Adolf Wagner (1835-1917), Heinrich Pesch (1854-1926), Adolf Weber (1876-1963), Gustav Gundlach (1892-1963) und Götz Briefs (1889-1973) übte, sprechen seine Arbeiten dafür, daß er von ihnen wichtige theoretische Anstöße erhielt. Mit den wichtigsten katholischen Sozialwissenschaftlern traf er sich in dem sogenannten "Königswinterer Kreis" während der Weimarer Republik regelmäßig. Obwohl Nell-Breuning selber kein originärer Theoretiker ist - und nicht beansprucht, es zu sein - war seine Rezeption stets kreativ.

Über seine Haltung und Arbeit während der NS-Zeit wissen wir sehr wenig. In einem Interview berichtete er einmal: "Schreibverbot habe ich niemals gehabt, allerdings mußte ich meine Veröffentlichungen praktisch einstellen, weil sie unfehlbar sofort eingezogen worden wären. (...) Ich mußte damals für die Finanzverwaltung meines Ordens tätig werden, aber auch andere Orden und Genossenschaften beraten. Bei dieser Tätigkeit habe ich mir wegen angeblicher Erschleichung von Devisengenehnmigungen im Jahr 1936 Strafverfolgung zugezogen. Nach einer 6 Tage dauernden Vernehmung hat es dann 7 Jahre gedauert, bis die Anklage erhoben wurde, dann mußte sie aber wegen Eilbedürftigkeit vor dem Sondergericht behandelt werden. Ich wurde zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt, schließlich mit einem Haftunfähgikeitszeugnis des Leibarztes des Gauleiters München von der Strafe verschont; später ist das Urteil natürlich aufgehoben worden". In seinen Beträgen nach 1945 bleibt der Nationalsozialismus unberücksichtigt.

In den ersten beiden Nachkriegsjahren wurde Nell-Breuning erneut in der Finanzverwaltung des Ordens engagiert. Darüberhinaus war er in diesen Jahren intensiv mit der organisatorischen und konzeptionellen Entwicklung des sozialen Katholizismus befaßt. Beispiele hierfür sind sein Engagement für die CAJ und das Betriebsmännerwerk, sowie seine 1945/46 in Köln unternommenen Anstrengungen für den Aufbau eines "Erzbischöflichen sozialen Lehr- und Forschungsinstituts". Nur langsam jedoch fand er in den Nachkriegsjahren einen Einstieg als Berater und Referent in den sozialen Katholizismus. Hilfreich waren dabei seine Bekanntheit, die er sich in der Weimarer Zeit erworben hatte, seine zahlreichen Auslegungen vonh "Quadragesimo Anno" und die von ihm ausgearbeitenen Schulungsmaterialien (u. a. "Wörterbuch der Politik" 1947-50). Mit seinen gesellschaftspolitischen Neuordnungsvorschlägen fand er dann auch eine breitere kirchliche und öffentliche Aufmerksamkeit. Als dann mit der Gründung der Bundesrepublik die Zeiten der großen politischen Neuerungen abgelaufen waren, schlug seine staatsmännische Stunde. Gegen politische Reklamationen von links (Westintegration) und rechts (Einheitsgewerkschaft) kam Nell-Breuning gar manches Mal in die Verlegenheit, die Funktion einer Feuerwehr zu übernehmen.

Gegen Ende der vierziger Jahre traten neben die Lehrtätigkeit an der Jesuitenhochschule St. Georgen weitere Verpflichtungen an der "Akademie der Arbeit", einer Ausbildungsstätte für angehende Gewerkschaftssekretäre in Frankfurt/M., sowie an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe- Universität. Neben seinen akademischen Pflichten und seinen zahllosen Vorträgen folgte er einem Ruf in die wissenschaftlichen Beiräte des Bundeswirtschaftsministeriums (1948-1965), des Bundeswohnungsbau- ministeriums (1950-58), sowie des Bundesministeriums für Familien- und Jugendfragen (1959-1961). Vor allem im wirtschaftswissenschaftlichen Beirat erhielt seine politische Beratertätigkeit einen festen Ort. Trotz traditioneller Spannungen zwischen Katholizismus und Sozialdemokratie pflegte Nell-Breuning bereits frühzeitig intensive Kontakte mit einzelnen Sozialdemokraten, etwa mit W. Eichler, G. Weisser und H.-D. Ortlieb. Nell-Breuning mußte feststellen, daß deren Vorstellung vom "demokratischen Sozialismus" nun überhaupt nicht zur Verurteilung des Sozialismus paßte, die er selbst noch in "Quadragesimo Anno" eingeführt hatte. Auf einer berühmten Tagung der katholischen Akademie Bayern zum Thema "Christentum und Sozialismus" trug er im offenen Gegensatz zu seinem Mitbruder Gundlach eine versöhnlichere Position zum demokratischen Sozialismus vor. Mit der Godesberger SPD konnte er sich dann endgültig anfreunden; ihr Parteiprogramm enthalte - so ein inzwischen geflügeltes Wort - ein "Kompendium der katholischen Soziallehre".

Seit den fünfziger Jahren engagierte sich Nell-Breuning in den Diskussionen über Mitbestimmung und Vermögensbildung. Dabei profilierte er sich als ein entschiedener und kenntnisreicher Befürworter sowohl einer Umverteilung von Produktivvermögen, wie auch einer qualifizierten Mitbestimmung der Beschäftigten in den Betrieben und Unternehmen. Eine exponierte Position nahm er auch in der Debatte um die Einheitsgewerkschaften ein: Innerhalb der katholischen Kirche und des Katholizismus verteidigte er die Einheitsgewerkschaft und forderte die katholischen Christen  zur Mitarbeit im DGB auf. Gegenüber den Gewerkschaften dagegen betrieb er - wie z. B. in der Agartz-Kontorverse - eine Politik der Ausgrenzung von radikal-demokratischen Politikorientierungen.

Seine Positionen als Gesellschaftslehrer, Sozial- und Wirtschaftsexperte, waren innerhalb von Kirche und Katholizismus zunächst umstritten, kirchlich nicht selten isoliert. Auf der Synode der westdeutschen Bistümer in Würzburg (1971-75) erfuhr Nell-Breuning seine späte kirchliche Ehrung. Seine Positionen flossen trotz heftiger Anfeindungen in das Synodenpapier "Kirche und Arbeiterschaft" ein; die Mehrheit der Synodalen konnte die fortwirkende Entfremdung von Kirche und Arbeiterschaft und die historische Bedeutung von Karl Marx anerkennen. Die Synode wurde zum Auftakt zunehmender kirchlicher Anerkennung. Zu seinem 90ten Geburtstag überreichte ihm etwa Kardinal Höffner die erste Bonifatiusplakette als Dankerweis der deutschen Bischofskonferenz. Im Zeitalter der sozialliberalen Koalition erkannte die offizielle Kirche den "Freund der Gewerkschaften und der SPD" als den "Nestor" ihrer Soziallehre an.

Im Tarifstreit der Metallindustrie 1984 um die "35-Stunden-Woche" intervenierte der inzwischen 94jährige noch einmal in gewohnter Weise. Inmitten harter Auseinandersetzungen plädierte er für eine weitreichende Verkürzung der Arbeitszeit, ohne jedoch den von den Gewerkschaften geforderten Lohnausgleich zu akzeptieren. Trotz unterschiedlicher Positionen konnten sich beide Tarifparteien und ihre Unterstützer legitimatorisch auf ihn beziehen, doch keiner konnte ihn für die eigene Position vereinnahmen. Diese Konstellation scheint uns typisch für das poltische Wirken Nell-Breunings.

Heute beziehen sich fast alle gesellschaftlichen Kräfte in irgendeiner Weise positiv auf sein Werk. Doch bleibt der "Eigensinn" seiner Positionen dabei häufig verborgen, wird vielleicht bewußt verdeckt. Nicht selten rückt man sich nämlich in politischen Auseinandersetzungen "seinen" Nell-Breuning zurecht. Hinter dem breiten Rücken des öffentlichen Denkmals Nell-Breuning bleibt so die Geschichte und die Logik seines Denkens und Wirkens merkwürdig unbekannt. Wir halten daher Oswald von Nell-Breuning für einen recht unbekannten Bekannten.

Diesem unbekannten Bekannten, Nell-Breuning, suchte ein Seminar anläßlich seines 100ten Geburtstags auf die Spur zu kommen. Eingeladen hatten das Sozialinstitut für Arbeitnehmerbildung der süddeutschen KAB (Vohenstrauß) in Kooperation mit dem Frankfurter Bildungswerk (Referat Kirche und Arbeiterschaft). Unter dem Motto "Einen kritischen Geist ehrt allein die kritische Auseinandersetzung" sollte sich das Seminar mit der Bedeutung und Aktualität des Wirkens und Denkens von Nell-Breuning auseinandersetzen. Schon die verschiedenen Tagungsorte dieses Seminars symbolisieren gut das Wirkungsfeld des "Nestors katholischer Soziallehre": das Frankfurter Haus der Volksarbeit, das Bildungshaus der Gewerkskchaft Nahrung-Genuß-  Gaststätten (NGG) in Oberjosbach und schließlich die  Phil.-Theol. Hochschule St. Georgen. Die Referate und Gespräche haben dieses weite Wirkungsfeld Nell-Breunings zu bearbeiten und Breschen durch sein umfang- reiches Werk zu schlagen versucht, um eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk und Wirken zu ermöglichen.

Die Tatsache, daß zu diesem Seminar u. a. die KAB einlud, ist umso bemerkenswerter, als zwischen Nell-Breuning und dieser Organisation in den ersten zwei bundesdeutschen Jahrzehnten ein überaus spannungsreiches Verhältnis bestand. Diese Spannungen ergaben sich vor allem durch die gegensätzlichen Optionen in der Gewerkschaftsdebatte: während die KAB mit den Bischöfen für eine Sondergründung christlicher Richtungsgewerkschaften votierte, stand Nell-Breuning weiterhin an der Seite der Einheitsgewerkschaften. Erst Mitte der sechziger Jahre - die christlichen Gewerkschaften hatten sich längst als Flopp erwiesen - entspannte sich langsam dieses Verhältnis, als einzelne engagierte KAB-Vertreter in führenden Positionen den Austausch und die Zusammenarbeit mit Nell-Breuning suchten (z. B. der damalige KAB-Bundesgeschäftsführer Hans Ludwig). Die seitdem guten Beziehungen zwischen KAB und Nell-Breuning dokumentieren sich etwa in den "Texten zur katholischen Soziallehre", die von der KAB herausgegeben wurden. Nell-Breuning fügte dieser Textsammlung eine kommentierende Einführung bei.

Mit diesem Seminar schuf die KAB einen ersten Ort, an dem verschiedene Facetten des Nell-Breuningschen Wirkens und unterschiedliche Einschätzungen zusammengetragen und diskutiert werden konnten. Es ergab kein abgeschlossenes Bild seines Werkes und Wirkens. Als deutender und eingreifender Intellektueller war Nell-Breuning Zeit seines aktiven Lebens immer ein streitbarer Denker und Diskutant - kirchlichen und politischen Funktionären häufig genug ein Dorn im Auge. Heute nun scheinen allein affirmative Legendenbildung und harmonisierende Vereinnahmung angesagt. Weder die böse Polemik vergangener Tage noch die Jubilitis dieser Tage waren Sache des Seminars, deren Beiträge in diesem Buch dokumentiert werden.

In dem ersten Beitrag überblickt Friedhelm Hengsbach SJ das vielfältige und umfassende Werk seines Ordensbruders Oswald von Nell-Breuning. Von Bodenrecht bis kirchliches Dienstrecht, von Vermögensbeteiligung bis zur Kirchensteuer reichen seine Themen. Der Autor ordnet diese Themenvielfalt verschiedenen Phasen des Wirkens Nell-Breunings zu und versucht ein erstes Resümee. Die Frage "Wem gehört Nell-Breuning?" versucht er abschließend zu beantworten. Wolfgang Schroeder untersucht Nell-Breunings politisches Wirken in einem exemplarischen Konfliktfeld: die Kontroverse um die Einheitsgewerkschaft in den 50er Jahren. Obwohl er sich in dieser konkreten Auseinandersetzung gegenüber der Mehrheitslinie im Sozialkatholizismus nicht habe durchsetzen können, habe er dennoch nicht verloren, lautet die paradoxse These des Autors. Die Akzeptanz der Einheitsgewerkschaft wurde nämlich in den letzten beiden Jahrzehnten langsam zur Selbstverständlichkeit innerhalb von Kirche und Katholizismus. Die "katholische Soziallehre" von Oswald von Nell-Breuning untersucht schließlich Matthias Möhring-Hesse. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Bedeutung seines Werkes für die Vermittlung von "politischem Katholizismus" und pluraler Demokratie. Zwar nicht als ein Pionier, doch als kirchliche Autorität habe er der traditionellen Soziallehre der Kirche einen "sanften Übergang" aus einer vermeintlich "katholisch" fiixierten Politik bereitet. Damit diente er jenen katholischen Christen als legitimatorische Stütze, die aus den Fesseln integralistischer Politik eines "politischen Katholizismus" ausbrechen wollten.

Die Frage nach der Bedeutung Nell-Breunings für Kirche und Katholizimus stand im Mittelpunkt eines öffentlichen Gespräches zwischen Friedhelm Hengsbach SJ, Werner Kroh und Heiner Ludwig. Die Teilnehmer dieses Gesprächs stimmten darin überein, daß eine Kluft zwischen der naturrechtsethischen Gesellschaftslehre und den politischen Positionen Nell-Breunings bestünde. Die Politik, die Nell-Breuning unterstüzte und vorantrieb, basiere weniger auf seiner scholastischen Theorie, als vielmehr auf seinen Erfahrungen und seinem Sachwissen. Das zweite Gespräch zwischen Iring Fetscher, Alfred Horné und Theo Pirker war kontroverser: über das politische Wirken Nell-Breunings in der Nachkriegszeit trugen die Teilnehmer recht unterschiedliche Erfahrungen und Einschätzungen zusammen. Damit dokumentiert dieses Gespräch sowohl die zahlreichen Facetten des Wirkens Nell-Breunings, wie auch dessen kontroverse Bewertungen. Wurde er etwa einerseits als konservativer Gegenreformator gezeichnet, erscheint er andererseits als argumentationsstarker Reformer oder als gewiefter Taktiker. Vielleicht verdeutlicht gerade das Gespräch zwichen Alfred Horné und Theo Pirker den Titel dieses Buches: Nell Breuning ist ein Bekannter, dessen Werk und Wirken uns noch recht unbekannt und unerschlossen bleibt.

Freidhelm Hengsbach SJ
Matthias Möhring-Hesse
Wolfgang Schroeder