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Ein schwieriges Verhältnis zu katholischen Verbänden
Oswald von Nell-Breuning und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB)
(Texte zu einem Vortrag zum Walter-Dirks-Tag 2004 in der Rabanus-Maurus-Akademie Frankfurt am 14. Januar 2004)
Vorbemerkung:
Ich kann aufgrund eigener Erfahrung und Beschäftigung mit der Literatur
nur über das Verhältnis von Oswald von Nell-Breuning zur KAB und
in diesem Umfeld agierenden Verbänden und Initiativen berichten und
zu den in diesem Umfeld wichtigen Fragestellungen etwas sagen. Inwieweit
dieses Verhältnis schwierig gewesen ist, und dies evtl. auch an der
Gemengelage verschiedener sich überlagernder oder auch widersprechender
Entwicklungen begründet lag, überlasse ich Ihrem Urteil. Wichtig
ist mir aber, daß es ein gegenseitiges Verhältnis war, komplex
auch im Verhältnis der Verbände zu ihm.
Die Ernsthaftigkeit dieses Verhältnisses und des Beitrages von Oswald
von Nell-Breuning verbietet es mir, dieses Verhältnis anekdotisch, in
einer Aneinanderreihung von Begegnungen, Erlebnissen, Ereignissen und Konflikten
eher oberflächlich zu behandeln; andererseits kann ich in der mir zur
Verfügung stehenden Zeit nicht sehr in die Tiefe gehen. Deshalb bitte
ich um Verständnis, daß ich eher nur Stichworte für eine
weiterführende Diskussion geben kann. Mir persönlich läge
sehr daran, daß wir dieses Thema nicht nur mit Blick in die Vergangenheit
angehen, sondern sozusagen als Vermächtnis an den Problemen weiterarbeiten,
die ihn in den letzten Jahren seines Wirkens am meisten beschäftigt
haben. Als kleinen Kompromiß biete ich an, die ausführlichere
Darstellung im Internet nachzulesen bzw. herunterzuladen. Am einfachsten
über Suchmaschine Google und dann "Halume".
Überblick:
Als Oswald von Nell-Breuning am 08. März 1890 in Trier geboren wurde,
da
- endete gerade der Kulturkampf in Preußen, Bismarck trat zurück,
der junge Kaiser wollte sein Verhältnis zur Katholischen Kirche neu
ordnen und suchte die Zusammenarbeit. Das hatte Folgen für die inhaltliche
Ausrichtung des
- "Volksvereins für das katholische Deutschland" der eben in diesem
Jahre 1890 aus der Taufe gehoben wurde, nicht mehr gegen die Protestanten,
die Gegner im Kulturkampf, sondern nun gegen die religionsfeindlichen
Kräfte des Sozialismus gerichtet,
- In diesem Jahr wurde die KAB Süddeutschlands als erster
überregionaler Zusammenschluß der kath. Arbeitervereine
gegründet. Über ein Jahrzehnt später dann die KAB
Westdeutschlands, die ihrerseits sehr mit dem Volksverein auch organisatorisch
und personell verbunden war. Während die Süddeutschen sich von
vorneherein stärker als Verband profilierten und zum Beispiel mit dem
Leo-Haus eine Zentrale schufen, die mit demselben Anspruch in
Süddeutschland auftrat, wie der Volksverein, der aus der süddeutschen
Perspektive eher eine preußische Angelegenheit war. Diese regionale
Trennung ist in ihren Ursachen bis heute nicht überzeugend aufgeklärt,
dürfte aber auch mit Nachwirkungen des deutschen Einigungsprozesses
und der kleindeutschen (protestantischen) statt der großdeutschen
(katholischen) Lösung mit Österreich einiges zu tun haben. Aber
auch inhaltliche programmatische Differenzen waren in der Folgezeit nicht
zu übersehen. Der Mönchengladbachismus wurde zu einem gängigen
Schlagwort. Auch ein Selbstverständnis, sich in das hierarchische Apostolat
einzugliedern, war in Süddeutschland stärker, während der
Volksverein letztlich wohl auch an Konflikten mit dem Episkopat, der
befürchtete, das einfache Volks an den Volksverein zu verlieren, gescheitert
ist.
- Der Jesuitenorden in Preußen war verboten, die Jesuiten wichen nach Holland aus, vielleicht hat Nell-Breunung deshalb dort die holländische säulentheoretische Organisationsform des Katholizismus kennengelernt, (Prälat Poels) die er später immer als besonders drastisches Beispiel eines geschlossenen Katholizismus darstellte.
- In Rom liefen die Vorbereitungen zur ersten Sozialenzyklika der Neuzeit
über die Arbeiterfrage, die einen lange währenden Streit unter
den katholischen Sozialethikern und Praktikern vorläufig beendete, ob
es denn ethisch erlaubt sein könne, die menschliche Arbeit, die doch
unmittelbarer Ausfluß der menschlichen Personwürde ist, wie eine
Ware auf dem Markte zu handeln. Dieser Streit zwischen Vogelsang und seiner
Schule (eher in Österreich und Süddeutschland) mit eher
rückwärts gewandter romantischer ständetheoretischer Fundierung,
und den Mönchengladbachern unter dem Unternehmer Franz Brandts (dem
Gründer des Verbandes Arbeiterwohl und des Volksvereins) und Franz Hitze,
die den Kapitalismus sozialpolitisch zähmen wollten, wurde in einen,
ich nenne es gern "historischen Kompromiß" eingebunden. Kapitalismus
wird zwar nicht grundsätzlich abgelehnt, allerdings nur unter drei
Bedingungen hingenommen:
- Es gibt ethische Prinzipien der Lohngerechtigkeit, der Markt allein garantiert
noch keinen gerechten Lohn,
- Der Staat hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, als Sozialstaat
regelnd einzugreifen und sich sozialstaatlich und sozialpolitisch zu
betätigen,
- Die Arbeiter haben das Recht, Koalitionen zu bilden.
Damit glaubte man, den Kapitalismus ethisch hinnehmen und sozial bändigen zu können. Angesichts der aktuellen Diskussion wird erst richtig deutlich, wie weitsichtig, tragfähig und hoch aktuell diese Position nach wie vor ist, auch wenn sie offensichtlich heute in Deutschland, sowohl in amtlichen Verlautbarungen als auch in der kritischen Reflexion durch Sozialethik und Soziale Praxis kaum mehr eine Rolle spielt, jedenfalls auch kaum noch zitiert wird.
Was denn nun Kapitalismus sei, eine Produktionsweise unter Einsatz von Kapital oder auch eine Klassengesellschaft, wurde eines der großen Themen von Nell-Breuning. In dieser Frage, es ist meines Wissens die einzige, gibt er auch einen Wandel seiner Meinung unter Vorbehalt zu: "Ein ganz besonders befremdlicher Meinungswandel wurde und wird mir nachgesagt in bezug auf die Enzyklika Quadragesimo anno und deren Ausführungen über Klassengesellschaft, Klassenlage der Arbeiterschaft und über die zu deren Überwindung erforderliche kämpferische Auseinandersetzung ("Klassenkampf")" Es folgt eine Darlegung, daß die Quelle für die damalige Begrifflichkeit sowohl bei ihm als auch bei Gustav Gundlach Karl Marx gewesen ist. Franz von Baader, dem eine ähnliche Analyse zugeschrieben werde, habe er damals (wie heute) überhaupt nicht gekannt und erst recht nicht gelesen.
"In meinen ersten Veröffentlichungen - so namentlich in "Kirche und Kapitalismus" Volksvereinsflugschrift 1929 - habe ich aus Loyalität gegenüber der vom Kölner Erzbischof eingesetzten Verständigungskommission und deren als "Kölner Richtlinien" bekannten Vorschlägen mich dem Sprachgebrauch angeschlossen, unter "Kapitalismus" die "auf Kapitalverwendung und Kapitalvermehrung eingestellte Wirtschaftsordnung" zu verstehen. Diese Begriffsbestimmung trifft jedoch für jede nicht völlig stationäre Wirtschaft zu und ist darum nicht geeignet, die Eigenart einer bestimmten Wirtschafts- und erst gar Gesellschaftsordnung zu kennzeichnen, und trifft schon gar nicht das, was alle Welt, wenn auch noch so diffus, im Sinn hat, wenn man von "Kapitalismus" redet oder über "Kapitalismus streitet. Deshalb habe ich diesen Sprachgebrauch schon bald aufgegeben und seither im Sinn von Götz Briefs und namentlich Paul Jostock jene Wirtschaftsweise als "kapitalistisch" bezeichnet, bei der Kapital und Arbeit in der Weise aufeinander angewiesen sind, daß es zwei verschiedene Gruppen von Personen sind, deren eine (nur) Kapital und deren andere (nur) Arbeit einsetzt, wobei der Wirtschaftsprozeß im Ganzen von seiten derer, die das Kapital einsetzen, organisiert und geleitet wird. Kommt hinzu, daß die Gruppe derer, die über das Kapital verfügen und es einsetzen, die gesellschaftliche Minderheit, dagegen die Gruppe derer, die (nur) über ihre Arbeit verfügen, die weit überwiegende gesellschaftliche Mehrheit bildet, dann verwende ich seither dafür die Bezeichnung "kapitalistische Klassengesellschaft", womit klar unterschieden sind einerseits die ethisch indifferente Wirtschaftsweise, die lediglich unter der Rücksicht zu würdigen ist, was sie den an ihr Beteiligten leistet und was sie ihnen abfordert, andererseits die eindeutig abzulehnende und zu überwindende kapitalistische Klassengesellschaft. An dieser Unterscheidung und unterschiedlichen Wertung, die auch der Enzyklika "Quadragesimo anno" (1931) zugrunde liegt, habe ich ohne jedes Schwanken immer festgehalten." ;
Um die Brisanz dieser Sicht im Blick auf das Verhältnis zur KAB zu begreifen, lese man diese Definition noch einmal langsam und verstehend nicht als Definition einer "kapitalistischen Klassengesellschaft", sondern einer solchen, die sich auf die Idee einer "Standwerdung der Arbeiterschaft" oder auch nach dem 2. Weltkrieg einer solchen, die sich "soziale Partnerschaft" nennt, und damit eine Partnerschaft zwischen Kapital und Arbeit meint.
Klassenauseinandersetzung meint, das war damals wohl die wichtigste Unterscheidung und Abgrenzung gegenüber den Marxisten nicht Kampf gegen den Gegner, sondern Ringen um das Gemeinwohl.
- begann einige Jahre später in Deutschland der Gewerkschaftsstreit, der natürlich sehr viel mit dieser Auseinandersetzung zu tun hatte. Man lese nur die Passagen im Synodenbeschluß unter der Überschrift "Gegen Selbsthilfe der Arbeiter". Offensichtlich hatte seine Herkunft aus der Diözese Trier, vielleicht seine Erfahrung als Referent in Arbeitervereinen des Saarlandes, wo er den katholischen Arbeitern begegnete, denen die Lossprechung in der Beichte verweigert wurde, weil sie in einer interkonfessionen christlichen und nicht einer katholischen Gewerkschaft waren, tiefe Wunden bei ihm hinterlassen. Tatsächlich ging es ja darum, daß sie überhaupt in einer Gewerkschaft waren. Von daher werden gerade an dieser Frage manche Lebensentscheidungen von Nell-Breuning verständlich.
- Wenn wir im Umschlagtext zu "Texte zur Katholischen Soziallehre I" geschrieben hatten: "Er hat den zeitgeschichtlichen Zusammenhang, dem diese Texte gelten, wie kein anderer erlebt. 1890 geboren, seit 1928 Hochschullehrer ist Pater von Nell-Breuning mit der Situation von Kirche und Gesellschaft, von der diese Texte handeln, vertraut und daran beteiligt", dann beginnt das bereits mit seinem Geburtsjahr. In ihm wird die Gemengelage von kirchlichen, politischen, wirtschaftlichen und ethischen Problemen wie in einem Brennglas gebündelt deutlich und sind die großen Themen vorgegeben, die sein ganzes Lebenswerk prägen sollten.
Ich möchte diese, angesichts der knappen Zeit in 3 Themenkomplexe
bündeln, die in besonderer Weise sein ja auch konfliktreiches
Verhältnis bzw. Nicht-Verhältnis zur KAB kennzeichnen:
1. Vom Kulturkampf und politischen Katholizismus zu einem konziliaren
Verständnis von Kirche in der Moderne
2. Von der abhängigen Lohnarbeit produktionsmittelentblößter
Arbeiter zu
- rechtlich geregelter, soziale Sicherung begründender Arbeit,
- die Mitbestimmung von der Arbeit her in Betrieb und Unternehmen
beinhaltet
- in die volkswirtschaftliche Produktivkapitalbildung einbezogen wird
und weiter entwickelt wird in zu einer Unternehmensverfassung, in die die
Arbeiter sozusagen mitgliedschaftlich integriert sind, so daß auch
in Betrieb, Unternehmen und Gesamtwirtschaft Demokratisierung und klassenfreie
Gesellschaft entstehen.
3. Die aktuelle Beschäftigungskrise, ihre Ursachen und Auswege über
die kapitalistische Lohnarbeit hinaus. Hier anzusprechende Stichworte sind:
Ausweitung des Arbeitsbegriffs, des Verständnisses von Wirtschaft, die
Ausweitung des öffentlichen Sektors; die Kontroverse um Bezahlung von
Familienarbeit, die Relativierung von abhängiger Lohnarbeit und Markt
angesichts der Wirkungen der steigenden Arbeitsproduktivität.
In diesem Zusammenhang muß auch angesprochen werden, welche
Weiterentwicklungen es seit Oswald von Nell-Breuning gegeben hat. Ich nenne
hier drei Stichworte:
- Das Ende des Konzeptes vom Familienlohn durch den Papst
- Die neue Sicht der nicht bezahlten Familienarbeit durch die
Zeitverwendungsstudien des Statistischen Bundesamtes, womit endlich auch
das Mengengerüst vorliegt, das Oswald von Nell-Breuning deutlich
unterschätzt hatte,
- Eine neue philosophische Sicht der Zusammenhänge von Arbeit, Gerechtigkeit
und Liebe, die 2003 von der Schweizer Philosophin Angelika Krebs vorgelegt
wurde.
Konflikte und Stationen des Verhältnisses von Oswald von Nell-Breuning und der KAB
Zunächst möchte ich aber eher kursorisch die wichtigsten Konflikte und Stationen des Verhältnisses von Oswald von Nell-Breuning und der KAB aufzeigen, soweit sie nicht in die drei Hauptthemen eingebettet sind:
Ich gehe das Thema aus der Optik eines Praktikers an, der das große Glück hatte, in den letzten Lebensjahren von Oswald von Nell-Breuning, als politischer Bildner in der Arbeiterbildung mit ihm viele Fragen, die das Verhältnis der KAB zu den Fragen, die ihn zeitlebens prägten und beschäftigten, zu diskutieren und zu klären. Es ist aber auch eine Frage der Fairneß gleichzeitig zu sagen, daß nicht viele in der KAB vergleichbare Möglichkeiten hatten, diese Konflikte, Fragen und Perspektiven mit einer Persönlichkeit wie Oswald von Nell-Breuning zu reflektieren, nicht zuletzt auch deshalb, weil es zwischen ihm und der KAB lange Zeit keine direkte und persönliche Kommunikation gab . Es liegt mir sehr daran zu sagen, daß ich bei aller kritischen Sicht der Persönlichkeit und des Wirkens von Nell-Breuning in tiefstem Herzen dankbar dafür bin, daß ich diese Erfahrungen machen durfte und mir so auch viele Einsichten ermöglicht wurden. Wir konnten in Freising eine ganze Generation von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den praxisintegrierten Kursen in einen intensiven Kontakt mit ihm bringen, was für alle eine bleibende Prägung hinterlassen hat.
Oswald von Nell-Breuning war in all diesen Fragen rund um die Problematik um Kirche und Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung und der Vermittlung zwischen ihnen und der Moderne, seiner Zeit weit voraus. Die KAB war zwar unmittelbarer und praktischer mit den Problemen konfrontiert und mußte häufig auch sofort handeln, hat sich in der Regel aber durch Erfahrungen geläutert manchen dieser grundsätzlichen Fragen erst später geöffnet. Alles deutet darauf hin, daß dies auch für den letzten Fragenkomplex rund um die Zukunft der Arbeit gilt, der bei Nell-Breuning rechtzeitig erkannt und thematisiert wurde, der aber in der KAB-Programmatik keine angemessene Berücksichtigung gefunden hat. Soweit meine persönliche Stellungnahme, zu der man ganz anderer Meinung sein darf, gleich am Anfang.
Obwohl ich seit 1961 hauptamtlich im Bereich der christlich-sozialen Bewegung auf Bundesebene tätig war, bin ich Oswald von Nell-Breuning erst seit dem Jahre 1974 häufiger begegnet, vorher seltsamerweise nie. Unsere erste Begegnung war 1974: Ich besuchte ihn in seiner Klosterzelle in Frankfurt/M-St. Georgen, zusammen mit Pater Franz Prinz, der gerade auch im Zusammenhang mit der Gemeinsamen Synode in Würzburg und den Diskussionen um den Synodenbeschluß "Kirche und Arbeiterschaft" sein gleichnamiges Buch vorgelegt hatte.
Apropos Konfliktfelder: Selbst eine so harmlos erscheinende Aktion, die Texte zur Katholischen Soziallehre im Wortlaut und möglichst unkommentiert zur Verfügung zu stellen, war der Beginn einer konfliktreichen Entwicklung, die auch ich selbst dann spüren sollte.
Dieser Besuch und diese Aktion waren, jedenfalls für mich, zunächst der Beginn einer sehr intensiven Zusammenarbeit. Erst sehr viel später habe ich begriffen, daß es auch für Nell-Breuning selbst der Wiedereinstieg in Kontakt und Kooperation mit der KAB war, die bis dahin wohl auf Eis lagen.
1. Nell-Breuning und die Eingliederung der CAJ in die KAB
Was die CAJ angeht, hat Oswald von Nell-Breuning im Jahre 1947 Kardinal Frings beraten. In einem Gutachten empfiehlt er, daß die CAJ als Jugendorganisation der KAB und des Werkvolks gelten und nicht der Hauptstelle für Jugendseelsorge unterstellt sein sollte. Nell-Breuning schrieb in knapper Form: "-CAJ national organisiert, unabhängig von Altenberg; - natürlicher Übergang von CAJ, genau wie von Werkjugend, zum Arbeiterverein, was zur Voraussetzung hat, daß auch die in der CAJ gebildeten jungen Menschen in ihm ihre Heimat sehen; <....>; die Arbeiterjugend <darf, d. V > den Bund katholischer Jugend nur als Dachorganisation, nicht als eigene Führungsstelle über sich haben".
Offensichtlich war bei ihm recht früh nach Kriegsende im Gegensatz zu den meisten Bischöfen geklärt, daß die Arbeitervereine unverzichtbar und die Organisation nach Naturständen, die alte romantische Vorstellungen einer konfliktfreien Gesellschaft wiederbeleben sollten, kirchlicherseits nicht zu stützen seien. Dies angesichts der Tatsache, daß gerade hier im südwestdeutschen Bereich die Arbeitervereine von den meisten Bischöfen verboten waren.
Der Verfasser, Thomas Kremer, vermutet, daß Nell-Breuning beabsichigt habe, durch die CAJler langfristig die Ausrichtung der KAB bestimmen zu lassen. So hätten sich gesellschaftspolitische neue Bündnisse ergeben können, denn über die CAJ, die bis 1950 für die Mitarbeit in der Einheitsgewerkschaft plädierte, hätte die ablehnende Haltung der KAB aufgegeben werden können. Das wäre den christlich-sozialen Kräften in der Einheitsgewerkschaft zu Gute gekommen. Für die Bischöfe bestand die Aussicht, die latenten Konflikte mit der KAB-Führung mit Hilfe der ehemaligen CAJler zu vermeiden.
Tatsächlich wurde das Verhältnis KAB-CAJ in den Vereinbarungen vom 31.10.1947 im Sinne Nell-Breunings festgehalten. Auch die späteren Aktualisierungen bis zum Brief des Vors. der Bischofskonferenz aus dem Jahre 1955 behielten diese Positionen im wesentlichen bei.
Das war aber offensichtlich nicht konfliktfrei. Als Georg Ruhmölller in solchen Intentionen auch zum Verbandssekretär kanditierte, unterlag er dem KAB-Sekretär Alfons Müller. Er selbst begründet seine Niederlage aufgrund von mündlichen Hinweisen aus den Diözesen, daß man eine Einflußnahme der Bischöfe auf die KAB ablehne.
Mir selbst ist aus persönlichen Gesprächen mit Bernhard Winkelheide, dem späteren Verbandsvorsitzenden der KAB Westdeutschlands in Erinnerung, wie sehr sie mit der Eingliederung und Akzeptanz der CAJ Probleme hatten, auch vor dem geschichtlichen Hintergrund der Auseinandersetzungen um die Katholische Aktion (1928-1932), wo sie eine solche Form des hierarchisch abhängigen Apostolates der Laien erfolgreich abwehrten, und dann kam mit der CAJ quasi durch die Hintertür die Katholische Aktion in die KAB.
Ob Oswald von Nell-Breuning dieser Hintergrund Katholische Aktion bei seiner Empfehlung an Kardinal Frings bewußt war, ist nicht geklärt.
Jedenfalls wurde die verworrene Konkurrenzsituation, die bis 1950 im Bereich
der Katholischen Arbeiterjugend-Initiativen herrschte, damit langsam abgebaut
und eine einheitliche Perspektive eröffnet. Es gab ja bis dahin:
- die Jungarbeiteraktion von Haus Altenberg
- Werkjugend der KAB bzw. Werkmannschaft (Köln), später Jung-KAB,
- die CAJ
- Jungarbeiteraktion der Kolpingjugend.
2. Nell-Breuning und das Godesberger Programm der SPD
Als wir im Jahre 1981 in Freising ein gemeinsames Seminar mit der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel zum Thema "Arbeiterbewegung, Katholische Kirche und demokratischer Sozialismus" hatten, schockierte mich ein persönliches Bekenntnis von ihm doch sehr. Hintergrund war seine Darstellung der "Säulentheorie" der Gesellschaft, wo man dann in jeweils strikt voneinander geschiedenen weltanschaulichen Lagern alle seine Lebensvollzüge organisieren konnte, vom kath. Krankenhaus über das Aufwachsen in einer katholischen Familie, einer katholischen Schule, versorgt mit katholischer Presse und Rundfunkwesen, organisiert in katholischen Sportvereinen, Gewerkschaften, Parteien, Bildungsvereinen, um schließlich auf dem kath. Friedhof beerdigt zu werden. Und die anderen weltanschaulichen Gruppen taten desgleichen. Und jede Gruppe grenzt sich von der anderen ab, indem man sich Urteile über die anderen bildet, ohne dieses Urteil noch einmal an den tatsächlichen Positionen der anderen zu überprüfen. Und das hatte zur Voraussetzung und zur Folge, daß man mit den anderen niemals in einen persönlichen Kontakt kam. Und wo diese Abschottung nicht organisierbar war, z. B. in den großen Industriebetrieben, da organisierte man jeweils Betriebsgruppen, die auf der parteipolitisch-weltanschaulichen Ebene gegeneinander kämpften.
So hatte Gustav Gundlach in der berühmten Definition geklärt, was Sozialismus sei, was dann auch in die Sozialenzyklika Quadragesimo anno 1931 Eingang gefunden hatte. Und nun zitiere ich ihn wörtlich: "Damals habe ich von Gundlach das übernommen und mir die Meinung gebildet, hier sei ihm wirklich gelungen, das was allen Spielarten von Sozialismus gemeinsam ist, zusammenzufassen. Diese meine Meinung habe ich später berichtigen müssen. Diese Meinung hatte ich mir gebildet, ohne jemals mit einem Sozialisten oder Sozialdemokraten Gedankenaustausch gepflogen zu haben. Auch das ist für die damalige Haltung typisch, man hat mit den Leuten nicht gesprochen; man hatte nur einige Literatur gelesen und natürlich mehr die der eigenen als die der anderen Seite, und dann braut man sich so eine Vorstellung zusammen. Erst als ich Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre nähere Beziehungen bekam, hauptsächlich über Gerhard Weisser zu Willi Eichler, bin ich dann dahintergekommen, daß es - so möchte ich beinahe sagen - den mit diesen 44 Worten definierten Sozialismus eigentlich gar nicht gibt. Es mag vielleicht intellektuelle Typen geben, die sich einen solchen Sozialismus ausdenken, aber jedenfalls als Bewegung, sei es als Arbeiterbewegung, sei es als politische Partei, gibt es ihn nach meiner Überzeugung nicht. Willi Eichler hat mir ja geschrieben: "In der Ablehnung dieses Sozialismus, wie er da beschrieben ist, sind wir mit dem Papst vollkommen einig, nur würden wir das eher Kapitalismus als Sozialismus nennen." Und führt dann weiter aus, daß das für ihn eine sehr überzeugende Erfahrung eines Lernprozesses eines deutschen Professors gewesen ist.
Schockiert hat mich dieses Bekenntnis, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie viele Auseinandersetzungen, Ausgrenzungen, Spaltungen in Betriebe und Familien hinein, um diese Fragen geführt wurden, und dann soll das alles nur das Mißverständnis oder das fehlende Gespräch von Wissenschaftlern als Ursache gehabt haben? Ihm selbst muß man zugute halten, daß er sich dann sehr bemüht hat, den Massen katholischer und sozialdemokratischer Arbeiter, die auf diesem Wege ja auch kirchlich ausgegrenzt worden waren, wieder den Weg in die Kirche zu öffnen.
Das war vorher in der Katholischen Akademie in München schon öffentlich geklärt worden. Berühmt geworden ist sein dortiger Satz: Das Godesberger Programm sei in seinem gesellschaftspolitischen Teil nichts anderes als ein kurz gefaßtes Repetitorium der Katholischen Soziallehre.
Natürlich hatte man bei den dort Anwesenden längst die alten Bastionen geräumt, hatte das Kirchenverständnis des II. Konzils verinnerlicht und sich längst auf die neue Situation eingestellt. Aber hatten es und konnten es so schnell die breiten Massen der Arbeiterschaft, oder die Mitglieder der KAB, die noch in den alten Gräben lagen und nicht einfach sagen konnten: Ätsch, war nichts! An dieser Stelle werden die Ursachen vieler Konflikte zwischen dem Theoretiker und Wissenschaftler Nell-Breuning und denen, die im Alltag und in der Politik Positionen vertreten, verteidigen, erkämpfen, und die nicht einfach die Fronten wechseln oder seit Jahrzehnten verteidigte Positionen räumen können, deutlich. Da spielten und spielen Begriffe wie "Treue" und "Verläßlichkeit in Kampfsituationen" eine große Rolle..
3. Nell-Breuning und die Programmatik des DGB
Hierzu möchte ich nicht viel ausführen, das wird sicherlich ausführlicher Wolfgang Schröder tun. Die Auseinandersetzung mit Viktor Agartz ist zwar nicht besonders tief in die kath. Verbände, auch nicht in die KAB hineingedrungen, die Klärung dieser Positionen hat aber bewirkt, daß kath. Arbeiter in den DGB-Gewerkschaften mitwirken und dort eine Heimat finden konnten.
4. Konflikte um die Wiedergründung Christlicher Gewerkschaften
Zwei Ereignisse scheinen entscheidend gewesen zu sein, daß immer schon latent vorhandene Kräfte, sich von der Mitarbeit in der Einheitsgewerkschaft zu trennen und "eigene" Christliche Gewerkschaften ins Leben zu rufen, sich um das Jahr 1955 durchsetzten: Die Rückgliederung der Saar in die Bundesrepublik, womit starke Christliche Gewerkschaften mit ihrem Vermögen und erfahrenden Führern zur Verfügung standen und das nach Einschätzung der CDU zu einseitige Einwirken der DGB-Gewerkschaften bei der Bundestagswahl 1953. Es gelang den führenden Leuten der westdeutschen KAB, die Bischöfe wohl mehrheitlich von diesem Schritt zu überzeugen und auch die süddeutsche KAB zum Mitmachen zu überreden. (so muß man das wohl nennen).
Diese Gesamtproblematik kann hier nicht ausführlich erörtert werden. Offensichtlich hat man die Anforderungen an einen solchen Schritt in personeller, finanzieller und organisatorischer Hinsicht unterschätzt. Man hatte aber auch unterschätzt, daß die alten Gewerkschaftsführer der alten DGB-Gewerkschaften (d. h. der alten Christlichen Gewerkschaften) im DGB voll integriert waren und dort ihre gewerkschaftliche Heimat und Macht besaßen und nicht im Traum daran dachten, einen Wechsel zu vollziehen. Andere waren nach dem Sieg der CDU unmittelbar im Zusammenhang mit der Gründung der Bundesrepublik in die parteipolitische Arbeit gegangen, die standen nun überwiegend auf der anderen Seite. Die CDA waren gespalten, die KAB war gespalten, jedenfalls sind die Massen nicht gewandert.
Oswald von Nell-Breuning hat in diesem Konflikt von Anfang an die Position der Einheitsgewerkschaft vertreten, hat vor dem Schritt gewarnt und viele engagierte Gewerkschaftsführer bestärkt, bei den DGB-Gewerkschaften zu bleiben. Das hat ihn erst Recht bei den Führungskräften der KAB isoliert und der sowieso kaum vorhandene Kontakt wurde so unmöglich.
Auch hier wurde unterschätzt, daß es sich nicht nur um eine intellektuelle Frage handelt. Bis heute gibt es in meiner Heimat, dem Saarland, noch tiefe Verletzungen bei und Ausgrenzungen von denen, die dann im Umkehrschluß die Christlichen Gewerkschaften, weil sie aus deren Verständnis und Erfahrung keine richtigen Gewerkschaften mehr sein konnten, in die DGB-Gewerkschaften überführten und deshalb des Verrats und der Untreue gescholten wurden und werden.
5. Der soziale Katholizismus ist eines sanften Todes entschlafen - 1970 Katholikentag in Trier
Vor dem Katholikentag in Trier hatte er 1970 in einem ZDF-Interview erklärt: "Der soziale Katholizismus ist eines sanften Todes entschlafen!", was dann auf dem Katholikentag selbst zu kontroversen Diskussionen und einer Anhörung der KAB mit ihm und führenden Persönlichkeiten aus Politik, Publizistik, kath. Sozialverbänden und Bildungsinstituten, die man dem sozialen Katholizismus zurechnete, führte. Auf die Frage, wie er zu dieser Behauptung gelangt sei, antwortete er: "Ich höre ja nichts mehr von Euch!" Mit gemeint war wohl auch: Ich werde doch von Euch nicht mehr gefragt! In der Tat hatte der Sozialkatholizismus eine Entwicklung genommen, in der Oswald von Nell-Breuning nicht mehr gefragt war. Und entsprechend waren die Kontakte abgebrochen.
Nell-Breuning selbst führte diese Kritik in einem Interview im Zweiten Deutschen Fernsehen vom 10.04.1970 und in der Anhörung der KAB auf dem Trierer Katholikentag am 13.09.1970 auf folgende Erfahrungen zurück:
Mein Urteil stütze ich auf den Vergleich von einst und jetzt. Ich denke an meine Jugendzeit. Da hatten wir die Hetzkapläne, jene jungen Priester, die in die Arbeiterfamilien gingen, die die katholischen Arbeitervereine aufbauten, die im Grunde genommen die ganze Bildungsarbeit in der katholischen Arbeiterschaft geschaffen haben, die, wenn ich so sagen darf, den katholischen Arbeiter überhaupt erst gewerkschaftsfähig gemacht haben...Ich denke also an die Zeit um die Jahrhundertwende, das erste Jahrzehnt etwa des gegenwärtigen Jahrhunderts. Wir hatten damals den Volksverein für das katholische Deutschland, der mindestens bis zum Ersten Weltkrieg eine hervorragende Arbeit geleistet hat, einmal in der sozialen Schulung und gleichzeitig in der Hineinführung des immer noch als Staatsbürger zweiter Klasse behandelten katholischen Volksteils in das Deutsche Reich. Und wir hatten schon, wie schon eben im Vorspruch erwähnt, die politische Vertretung des katholischen Volksteils in der Deutschen Zentrumspartei. Diese Partei hatte schon zu Bismarcks Zeit im Grunde genommen doch den Aufbau der deutschen Sozialpolitik geschaffen und die sittliche Kraft zu dieser Leistung aus der katholischen Glaubensüberzeugung ihrer Mitglieder und der hinter ihr stehenden Wählerschaft geschöpft."...
"...Wenn Sie mich fragen, ob die Gedanken, die in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg und zum Teil auch noch in der Zwischenkriegszeit lebendig gewesen sind, nach dem Zweiten Weltkrieg noch lebendig waren, würde ich sagen: Sie waren vielleicht noch nicht tot, noch nicht entschlafen, aber sie waren doch schon sehr, sehr abgeblaßt. Womit wir uns in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt haben, das war der wirtschaftliche Wiederaufbau, das waren Fragen etwa der Auseinandersetzung mit dem Ostblock und ähnliches mehr. Aber, daß die soziale Not breiter Bevölkerungskreise noch eine bewegende Kraft innerhalb des deutschen Katholizismus ausgeübt hätte, das glaube ich, kann man, wenn man ehrlich ist, nicht mehr sagen.
...Wenn sie die physische Not des Elends von Arbeiterfamilien, die einfach nicht rund kommen, vor sich sehen, ist das für sie ein ungeheurer Stachel, und wer da ein christliches Gewissen hat, der fühlt sich dadurch angesprochen. Diese eklatante und unmittelbar ansprechende Not besteht eben heute nicht mehr. "
Und auf die Frage des Moderators, daß es doch nötig sei, die modernen, die neuen Nöte in den Ebenen zu entdecken, wo sie auf den ersten Blick nicht zu sehen sind, sondern erst nach einer sorgfältigeren Analyse unserer Gesellschaftsordnung, antwortet er: "Damit treffen Sie meiner Überzeugung nach den Nagel auf den Kopf." ...jedenfalls sei es nicht gelungen, "breite Massen der Bevölkerung und damit auch die politische Vertretung des Volkes davon mit zu inspirieren, in der Theorie sind diese Probleme entdeckt und diskutiert worden. Ich habe ja auch nicht gesagt, daß die katholische Soziallehre entschlafen sei. Aber ich sage, der soziale Katholizismus, diese praktisch-politische Bewegung, die vermag ich nicht mehr zu sehen."
..."Mein Urteil, nach dessen Begründung oder Rechtfertigung Sie mich fragen, bezog sich ausdrücklich auf die Bundesrepublik. Das war erkenntlich dadurch, daß ich Bezug nahm auf die nur in der Bundesrepublik bestehenden politischen Parteien." Er sieht dann aber zwischen der Situation gegenüber der Dritten Welt und bei uns einen bedeutenden Unterschied: "Nämlich dort geschieht die Sache mit einem spontanen guten Willen ohne Einsicht. Bei uns ist von Anfang an eine solide Begründung und Erforschung der Dinge vor sich gegangen. Wenn ich denke, mit welcher Freude meinetwegen Adolf Wagner die katholischen Geistlichen in seiner Vorlesung begrüßte und davon sprach, wie dankbar er den katholischen Bischöfen sei, daß sie ihre jungen Priester zur Ausbildung zu ihm schicken..."
Vielleicht ist dieses auch etwas verklärte Bild von der Rolle der Priester und der Bischöfe bei ihm ein Hindernis gewesen, den tatsächlichen Gegebenheiten gerecht zu werden. Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Begegnung in Freising, als der Präsident der Weltbewegung Christlicher Arbeitnehmer, ein einfach chilenischer Arbeiter, zu Besuch war und wir die beiden einander vorgestellt haben. Schon rein optisch eine etwas unglückliche Darstellung: Hier der körperlich große, schon vom Aussehen her vergeistigte und asketische Aristokrat und dort der körperlich kleine, von Indios abstammende einfache Arbeiter, der den intellektuellen Ansprüchen Nell-Breunings an einen Präsidenten der Weltbewegung der KAB so gar nicht entsprach und das konnte er auch, zumindestens dann uns gegenüber auch deutlich machen.
Aber da hatte er wohl sowieso noch seine Schwierigkeiten, die ja besonders unmittelbar nach der Enzyklika Mater et Magistra deutlich artikuliert wurden. Etwas davon drang auch 1970 im ZDF-Interview durch, wenn er sagte:
Ausgehend von dem Bild, daß er (der politische Katholizismus) entschlafen und beerdigt sei, was müsse nun geschehen, kann man sich als Katholiken einfach in eine Zuschauerrolle begeben, antwortet er: "Sicher nicht! Einmal sind damit, daß diese groben, materiellen Nöte, das einfache Fehlen des notwendigen Lebensbedarfs, behoben sind, ja die eigentlichen sozialen Probleme noch gar nicht gelöst. Sie sind doch kaum in Angriff genommen. Die Frage, ob unsere Gesellschaft sinnvoll strukturiert ist, ob diese breiten Massen der Arbeiterschaft, die heute weitgehend ein äußeres Gehabe des bürgerlichen Daseins führen, wirklich in unsere Gesellschaft integriert sind: Diese Frage ist ja noch völlig ungelöst. Sie steht vor uns. Sie taucht in anderer Form und unter anderen Schlagworten auf - Problem des Übergangs der Zweiklassengesellschaft in die moderne pluralistische Gesellschaft - und entzieht sich damit vielleicht dem Zugriff."
"Früher spielte es eine sehr große Rolle, daß die Parteien - wenn Sie so sagen wollen - politische Kirchen waren,. daß also die Zentrumspartei sich empfand als Repräsentantin der katholischen Interessen, der Daseinsberechtigung der katholischen Kirche, und als solche gerade Zeugnis ablegen wollte und überzeugt war, Zeugnis ablegen zu müssen durch ein herzhaftes Zugreifen in den sozialen Fragen. Und umgekehrt die Sozialdemokratie damals in ihrer militant-atheistischen Haltung und ihrem extremen Marxismus bekämpfte ja den sozialen Fortschritt, der eben die entscheidende Wendung nur vertage und hinausschiebe. Damit war also die Sache weltanschaulich in einem ganz anderen Grad geladen, als das heute der Fall ist.. Also ich bin kein Politiker, aber ich kann mir schon denken, daß ein Politiker einen Gegner braucht, der ihn herausfordert, um selber wirklich große Aktionen vollbringen zu können. Zu Ihrer Frage (nach der Zuschauerrolle): Unter keinen Umständen können wir uns auf eine Zuschauerrolle beschränken. Wir sind aktiv gefordert. Wir müssen unsere Politiker unter Druck setzen, daß sie das Notwendige tun, dann noch selber einiges schaffen. Das schaffen unsere Kapläne alleine nicht. Dazu brauchen wir unbedingt die Hilfe des Gesamtklerus unter der Führung seiner Bischöfe."
Die KNA hatte nach diesem Interview in 8 Thesen die Entwicklung und die These von Nell-Breuning zusammengefaßt und verschiedenen Persönlichkeiten zur Stellungnahme vorgelegt. Nell-Breuning nahm dazu nur ganz kurz Stellung und mahnt zur Vorsicht, zwischen C-Parteien und katholischer Sozialbewegung eine zu enge Verbindung herzustellen, er kritisiert dies auch in bezug auf das Fernsehinterview, wo die Fragestellung der Interviewpartner zu viel tat, auf das Zentrum zu verweisen. "Vielleicht steckt in den katholischen Familienverbänden noch die Kraft, einiges in Bewegung zu bringen; viele der Schwierigkeiten, die für die traditionellen Sozialverbände bestehen, scheinen mir bei ihnen nicht zu bestehen. Obendrein bestehen gerade in der Familienpolitik die ärgsten Rückstände, so daß hier noch ein Stachel ist, den man spürt."
6. Texte zur Katholischen Soziallehre kontra KSL in Text und Kommentar
Meinen ersten persönlichen Kontakt hatte ich 1974, als ich ihn gemeinsam mit Pater Prinz, der im Zusammenhang mit der Gemeinsamen Synode sein Buch "Kirche und Arbeiterschaft" herausgegeben hatte, in seiner Zelle in St. Georgen in Frankfurt besuchte. Wir trugen ihm unser Anliegen vor, er möchte die Herausgabe der Texte zur katholischen Soziallehre mit den sozialen Rundschreiben der Päpste wissenschaftlich betreuen. Wir mußten ihn nicht lange überzeugen. Bei ihm setzte sofort jener Arbeitseifer ein, der nicht nur mich richtig auf Trab brachte. Es mußten die Dokumente in den Archiven in Köln und Münster ausgegraben werden. Er war mit den Übersetzungen nicht zufrieden und legte kurzerhand eigene vor. Es mußten alte Konfliktfelder, in die er im Verlauf seines langen Lebens mit hineinverwoben war, mitverarbeitet werden. Wehe, wenn eine Anfrage oder ein Auftrag nicht innerhalb der bei ihm üblichen Bearbeitungszeit auch unsererseits erledigt war. Nicht, daß er geschimpft oder grob geworden wäre, im Gegenteil: wir bekamen angesichts seines eigenen Arbeitseifers ein schlechtes Gewissen, wenn wir es ihm gleich zu tun nicht wenigstens versuchten.
Mit dieser Aktion begann auch ich eine kleine Ahnung davon zu bekommen, was es in unserer Kirche heißt, wider den Stachel zu löcken, und sei es nur, die päpstlichen Dokumenten zur kath. Soziallehre zu veröffentlichen.
Zur selben Zeit nämlich hatte die Katholisch-sozialwissenschaftliche Zentralstelle in Mönchengladbach zusammen mit dem BKU, Kolping und dem Bundesverband der KAB eine Schriftenreihe herauszugeben begonnen, in der entlang den wichtigsten Themen die Aussagen der KSL mit entsprechenden Kommentaren versehen vorgelegt werden sollten. Die Reihe war angelaufen, die weiteren Themen und die Verfasser festgelegt. Dabei ist die KAB bis an die Grenze des Möglichen auch Kompromisse eingegangen. Dann kam es zu einem Konflikt zwischen Kolping und Pater Wallraff SJ in einer ganz anderen Sache, Kolping lehnte daraufhin Pater Wallraff als Autor des Heftes über die Gewerkschaften ab, woraufhin die KAB erklärte, daß damit keine ausreichende gemeinsame Basis mehr für die Reihe vorhanden sei und ausstieg.
Vorher hatte bereits der Bundesvorsitzende der KAB Pater Rauscher gefragt, ob die Kath. sozialwissenschaftliche Zentralstelle die Herausgabe der Texte übernehmen könne, was von diesem abgelehnt wurde. Daraufhin hatte die KAB erklärt, daß sie es in eigener Regie übernimmt, nicht ahnend, daß diesem Vorhaben inzwischen 9 Auflagen beschieden sind.
Angesichts der Umstände wurde diese Aktion nun als Provokation empfunden mit entsprechenden Querelen und hämischen Kommentaren. Die Geschichte der daraufhin einsetzenden Verdächtigungen und Vorwürfe zieht sich dann über die Diskussionen über den Synodenbeschluß "Kirche und Arbeiterschaft" und die Rolle, die Oswald von Nell-Breuning dabei spielte bis zu jenem Artikel im Staatslexikon der Görresgesellschaft in seiner neuesten (7.) Auflage wo von Pater Anton Rauscher, ein "Eindringen neomarxistischer Positionen ("marxistische Analyse") auch in katholischen Gruppierungen (CAJ, Teile der KAB, KJG)"behauptet wird. Diese Geschichte ist in einer Akademietagung aufgearbeitet worden, leider in Abwesenheit der Akteure der anderen Seite, die unter dem Titel: "Marxismus in katholischen Verbänden? Einspruch!" im Kettelerverlag Köln 1989 veröffentlicht ist. Inzwischen ist, nachdem Marxismus wohl kein geeignetes Schreckgespenst mehr ist, das alles nicht mehr so wichtig. Hier soll nur der Hinweis genügen, daß die Auseinandersetzung um den Synodenbeschluß und mit Pater von Nell-Breuning, nachdem dieser auch von der Deutschen Bischofskonferenz hochdekoriert, nicht mehr angreifbar war, auf weniger wichtige Opfer als Prügelknaben oder Sündenböcke verschoben werden sollte.
7. Synodenbeschluß "Kirche und Arbeiterschaft"
Richtig heimgeholt wurde Oswald von Nell-Breuning in seine Kirche durch seine Verpflichtung als Berater in der Sachkommission III, (Christliche Diakonie), zur Beratung der Beschlußvorlage "Kirche und Arbeiterschaft", nachdem die erste Vorlage der Sachkommission vom Präsidium abgelehnt und die Zuziehung neuer Berater angeordnet wurde. Unter der Themenstellung "Nell-Breuning und KAB" muß natürlich auffallen, daß dies nicht die typische KAB-Kommission war, diese war die Sachkommission V "Gesellschaftliche Aufgaben der Kirche", wo auch die führenden KAB-Vertreter, leider dann doch eher erfolglos, agierten. Ihre Beschlußvorlage wurde als Arbeitspapier vom Präsidium zwar zur Veröffentlichung freigegeben, wird aber als Arbeitspapier nur von der Kommission selbst verantwortet.
In der Sachkommission III (Christliche Diakonie) sammelten sich eher die Betriebsseelsorger, pastorale Mitarbeiter in der Arbeitswelt, viele Gemeindepfarrer, denen das ein pastorales Anliegen war.
Im Kapitel "Der fortwirkende Skandal" sind dann alle Spannungsfelder und
Problemfelder - auch die der KAB - mit Oswald von Nell-Breuning und seiner
Sicht des Weges der Kirche in die Moderne aufgearbeitet:
- Blick auf die kirchlichen Probleme verengt
- Versagen der theologischen Wissenschaft
- Caritas oder Staatsintervention
- Gegen Selbsthilfe der Arbeiter, Gewerkschaftsstreit
- Unzulängliche Auseinandersetzung mit Karl Marx und seiner Lehre
- ...mit den verschiedenen Erscheinungsformen und Spielarten des Sozialismus
- nach dem 1. Weltkrieg, nach dem 2. Weltkrieg, nach dem 2. Vatikanischen
Konzil
- Einschätzung des Arbeiters und seiner Arbeit.
Es war wohl die härteste Debatte und das heißeste Ringen um einen Text während der gesamten Synode, mit prominenten Persönlichkeiten in beiden Lagern. Nachdem dem Ganzen eine positive Würdigung der Verdienste des Sozialkatholizismus vorangestellt wurde, blieb es im übrigen bei den selbstkritischen Ausführungen unter der Überschrift "Ein fortwirkender Skandal". Als dann auch die Deutsche Bischofskonferenz während der Schlußabstimmung eine betonte Zustimmung erkennen ließ, war dieses wichtige Dokument gerettet.
Und damit waren Nell-Breunings Analysen und seine Interpretation kirchlicher Soziallehre zusätzlich kirchenamtlich abgesegnet, man konnte sich auf diese Texte berufen, ohne gleich ins kirchliche Abseits gestellt zu werden. Die innerkirchlichen Gegenspieler, insbesondere Pater Rauscher und die kath.sozialwiss. Zentralstelle in Mönchengladbach haben das lange nicht verwunden, ihre Kritik ist aber nun an einem kirchenamtlich abgesegneten Prellbock abgeprallt.
Was aber für unser Thema noch wichtiger war: Die Deutsche Bischofskonferenz, besonders auch der Fachkollege Kardinal Höffner, hatten Pater von Nell-Breuning als kirchentreuen Berater und wichtigen Vermittler in die Welt der Arbeit wieder entdeckt, was nicht ohne Folgen für das weitere Verhältnis blieb.
Die katholische Arbeiter- und Betriebsseelsorge hatten ihre Charta, erlebten in einer ganzen Reihe von Bistümern deutliche Impulse zum Auf- und Ausbau und entwickelten sich dort, wo die KAB auf diese neuen Impulse nicht einging, parallel zu ihr. Es waren also eher die von der Pastoral herkommenden, besonders von der Betriebsseelsorge und der Arbeiterpastoral her Engagierten und einige Seelsorger aus den Pfarrgemeinden, die Oswald von Nell-Breuning zum ersten Mal wieder eine Bühne bauten und boten und sich hier voll entfalten ließen. Damit wurde zweierlei erreicht: Der Synodenbeschluß erhielt einen deutlichen Akzent auf Arbeiterschaft hin, was eher auch in die Richtung Klassenanalyse führte und weniger von Bestrebungen einer Standwerdung in die bestehende Ordnung geprägt war. Und das ganze wurde vom kirchlichen, pastoralen Anliegen, geprägt, im Zugehen auf die Formen von Selbstorganisation der Arbeiterschaft, und geriet nicht so sehr in Gefahr, eine Konkurrenz zu diesen Organisationsformen zu sein. Später in der KAB haben wir das auf die kurze Formel gebracht: Die KAB ist Garant der anderen Teile der Arbeiterbewegung, und nicht deren Konkurrent.
Am Ende, als auch der Synodenbeschluß "Kirche und Arbeiterschaft" verabschiedet war, konnten wir dann allen Synodalen die Texte zur Katholischen Soziallehre überreichen.
8. Zwischen Süd- und Westdeutschland
Vielleicht hängt es mit meinem Werdegang zusammen, aus der CAJ kommend, im westdeutschen Verband der KAB beheimatet, hauptamtlich für den Bundesverband tätig und dann nach Süddeutschland und in die dortige KAB gewechselt, daß ich in besonderer Weise für die Unterschiede empfänglich bin, die es zwischen West- und Süddeutschland gibt. Wenn Pater Nell-Breuning von der KAB spricht, meint er die KAB Westdeutschlands bzw. den Volksverein vor 1933. Zur KAB Süddeutschlands hatte er, obwohl südlich der Mainlinie lebend, keine Beziehungen.
Pater von Nell-Breuning selbst hat sich dazu an zwei Stellen geäußert:
1. Auf die Frage von Wolfgang Schröder wie er den Aufbau der Einheitsgewerkschaft nach dem Kriege erlebt habe, antwortete Pater Nell lapidar: "Das ist einfach zu beantworten: überhaupt nicht. Ich bin erst etwas später in die Dinge hineingekommen. In den zwanziger Jahren hatte ich starke Verbindungen mit der KAB und den Christlichen Gewerkschaften, aber seit 1933 war ich aus den Dingen heraus. Ich bin dann jahrelang, wenn man so will - ja, entpolitisert ist nicht ganz der richtige Ausdruck - ich möchte beinahe sagen, außerweltlich gewesen. Und nach dem Krieg bin ich nur ganz langsam wieder in die Dinge hineingekommen."
Wobei das "aus den Dingen heraus sein" ab 1933 nicht nur, wie man meinen könnte, mit dem entstehenden Nationalsozialismus zu tun hatte, es hatte eine Entfremdung zwischen "den Herren im Kettelerhaus", wie er es später einmal nannte und ihm in persönlicher, vor allem aber in sachlicher Hinsicht, gegeben. Dazu später mehr.
2. Auf die schriftliche Anfrage von Dorit-Maria Krenn antwortete er 1987, daß er zum süddeutschen Verband der KAB kaum Beziehungen unterhalten habe. Walterbach (der damalige führende Verbandspräses, der entscheidend auch am Aufbau des Leohauses in München beteiligt war, das für Süddeutschland so etwas ähnliches war wie der Volksverein Mönchengladbach für Westdeutschland, aber eben sehr viel offener seine Trägerschaft durch die KAB zeigte) Walterbach habe seine Mitarbeit auch offenbar nicht gewünscht.
Aus der Sicht eines langjährigen KAB-Sekretärs, Diözesanvorsitzenden und schließlich Verbandssekretärs der süddeutschen KAB, Josef Hofmeister, Weiden, stellte sich das so dar: "Nell-Breuning und Werkvolk/KAB Süddeutschlands: ich weiß darüber praktisch nichts. Wahrscheinlich gab es da auch keine Kontakte. Kontakte hatte jedoch Pater Prinz mit Nell-Breuning. Er gab bekanntlich in den 50er Jahren "Werkbriefe" heraus, die meines Wissens Prinz teils selbst schrieb oder teils andere zu schreiben bat. Diese, so hatte er einmal erzählt, schickte er zur Begutachtung und Korrektur an seinen Ordensbruder Nell und der habe diese Aufgabe mit aller wissenschaftlichen und jesuitischen Strenge durchgeführt. Erinnern kann ich mich noch, daß irgendwo in Süddeutschland Nell-Beuning einmal über gewerkschaftliche Probleme sprach, es könnte eventuell eine Präsideskonferenz der KAB gewesen sein. Es war jedenfalls in den 50er oder Anfang der 60er Jahre, also in meiner "CGB-Zeit". Daraufhin schrieb ich ihm einen geharnischten Brief, den er postwendend, klarstellend aber höflich beantwortete. Ich müßte mir mal meine uralten Akten durchsehen, weil ich mir den Brief aufgehoben habe, schon wegen der markanten Unterschrift Nell-Breunings."
Die Unterscheidung der Namensgebungen, hier Leo-Haus (und das setzte sich fort in die Benennung der örtlichen Vereinshäuser, entweder Josefs-Häuser oder Leo-Häuser im Süden), und dort Ketteler-Haus (und Kettelerhäuser im Westen), drückt diese Unterschiedlichkeit aus. Dorit Krenn schreibt, daß die enge Identifikation der Süddeutschen mit Leo XIII und der Enzyklika Rerum novarum darin ihren Ausdruck fand, gleichzeitig war es die Kritik an und der Widerstand gegen Quadragesimo anno und der dort enthaltenen Gesellschaftsanalyse, insbesondere die Klassenanalyse. Das zeigt, welch grundlegende Unterschiede zwischen den Süddeutschen und den Westdeutschen bestanden, allerdings bezogen auf die kleinere Führungselite und die wissenschaftlichen Beiräte. Die breiten Massen, das dürfte heute nicht anders sein, hatten an diesen programmatischen Auseinandersetzungen wenig Anteil.
Es ist hier nicht der Ort und nicht die Zeit für eine umfassende Darlegung der Ursachen, ein paar Hinweise müssen genügen: Der Kulturkampf in Preußen konkret im Rheinland, in Westfalen und im Saarland hatte einen anderen Charakter als der in Süddeutschland und hatte auch andere Selbstverständnisse und Organisationskulturen zur Folge. Es gab im Süden nicht das Gefühl, als Katholik wie ein Bürger Zweiter Klasse behandelt zu werden, weil der Gegenspieler eine katholische Dynastie war, mit der die Verbindung beidseitig gepflegt wurde, z. B. indem alle katholischen Bischöfe geadelt wurden und in ihrem Treueschwur zum bayerischen Königshaus so weit gingen, daß sie die Demokratie als Umsturz der gegebenen = gottgewollten Ordnung ablehnten. Dies wurde dann ja z. B. beim Katholikentag in dem berühmten Eklat zwischen Konrad Adenauer und Kardinal von Faulhaber offenbar. Daß Franz-Josef Strauß, dem sein Vater wohl von diesem Erlebnis erzählt hat, mit diesem Ereignis seine Memoiren beginn, zeigt, wie bedeutsam das alles gewesen ist.
Die Westdeutschen waren auch in der Auseinandersetzung mit der Moderne, mit Demokratie, Gewerkschaften, mit der industriellen Revolution sehr viel früher und intensiver gefordert und hatten von daher eine gewisse Vorreiterrolle, die sie die Süddeutschen auch gerne spüren ließen.
Für die süddeutsche KAB war Rerum novarum mit der Forderung und der Garantie einer Selbstorganisation der Arbeiter (wenn auch unter geistlicher Leitung) ausreichend; sie verstand sich auch eher als Bewegung für die Volks- und Standeserziehung. Vielleicht fühlte man sich aber auch in der Führungsspitze mit der Komplexität der Fragestellungen überfordert, insbesondere auch in der Vermittlung dieser Komplexität an eine Basis, die nur mit Mühe mit geringen finanziellen Beiträgen bei der Stange gehalten werden konnte. Krenn beklagt, daß die Diskussionen bei den Verbandstagen sich fast ausschließlich um Beitragshöhe und organisatorische Fragen drehte, inhaltliche und programmatische Fragen gerieten dabei in den Hintergrund.
Trotzdem gab es in der Tradition der Vogelsang-Schule, die ja in Österreich und Süddeutschland ihre Wurzeln und ihren Standort hatte, und die eher rückwärts gewandt eine Integration der Arbeiter in einer wiederbelebten Ständeordnung suchte (weil die Arbeit als unmittelbarer Ausdruck der Person und Personenwürde nicht wie eine Ware auf dem Markte gehandelt werden dürfe) einen erneuten eigenständigen Beitrag um Msgr Berchtold, Laboristische Ordnung, die aber sofort auf Ablehnung und Widerstand bei Pater Nell stieß. Auch diese Debatte kann und soll hier nicht weiter geführt werden. Nachdem Berchtold bei der KAB mit seinem Konzept nicht durchdringen konnte, wurde es vom BdkJ auf Bundesebene sehr intensiv diskutiert.
Wieweit dann die gemeinsam gefundene solidaristische Programmatik des Würzburger Programms von 1921 tatsächlich von den Süddeutschen mitgetragen wurde, wird von Krenn bezweifelt. Die Zeitung habe nur "pflichtschuldigst" ab und zu an das Programm erinnert. Walterbach sieht die kapitalistische Klassengesellschaft in einer positiven Version durchaus als programmatische Position, aber auch bei den Westdeutschen gab es in den 60er Jahren plötzlich den Versuch, eine als "Soziale Partnerschaft" bezeichnete Version der Nell-Breuning'schen Version der "klassenfreien Gesellschaft" gegenüberzustellen, die ihrerseits dann von denen, die ihm bös wollten, sofort in einen Zusammenhang mit der marxistischen "klassenlosen Gesellschaft" gebracht wurde.
Für Walterbach war jedenfalls die Position von Leo XIII. ausreichend und bot ihm Anregung und Schutz, mit den Arbeitervereinen entsprechend zu agieren.
Gleichzeitig wurde aber das erste Würzburger Programm freudig begrüßt und man erwartete von ihm eine Stärkung der politischen Bedeutung und Durchsetzungsfähigkeit. Zumal für den Westen und Süden galt, daß die geistlichen Führungspersönlichkeiten gleichzeitig parlamentarische Mandate über Zentrum und bzw. BVP hatten, und die programmatischen Positionen immer auch dort vermittelbar sein mußten. Wobei wir das zweite große Problem der programmatischen Diskussionen benannt haben. Der Volksverein, das Leo-Haus mußten das Katholische zusammenhalten, im Westen stärker ausgeprägt als im Süden, wegen des anderen Charakters des Kulturkampfes: Das hieß: Bauern, Handwerk, Handel, Mittelstand, Arbeiter und Unternehmer um ein gemeinsames programmatisches Konzept einen, und das ging nicht mit Klassenanalyse, das ging nur mit einem Konzept der "Standwerdung", das aber im Einzelnen dann sehr diffus und unpräzise vermittelt wurde.
Um die Bedeutung Pater Nells für die KAB zu erschließen, ist es offensichtlich auch wichtig zu unterscheiden zwischen der Zeit vor 1930, in den Jahren 1931-32, in der es offenbar zu einer Entfremdung gekommen ist, und der Zeit der Gemeinsamen Synode der Bistümer Deutschlands und seiner Mitarbeit am Synodenbeschluß "Kirche und Arbeiterschaft, in der diese Entfremdung überwunden wurde. Zweitens ist es offenbar nicht möglich, von der KAB als einer Einheit, als einem monolithischen Block zu sprechen.
Im Gefolge der Auseinandersetzungen um den Synodenbeschluß und die Behauptung eines fortwirkenden Skandals im Verhältnis von Kirche und Arbeiterschaft kam es jedenfalls zu der Behauptung, es gäbe "ein Eindringen neo-marxistischer Positionen ("marxistische Analyse") auch in katholischen Gruppierungen (CAJ, Teile der KAB, KJG), womit die KAB Süddeutschlands gemeint war. Pater Rauscher schrieb damit fest, was ihn bereits während der Debatten um den Beschluß "Kirche und Arbeiterschaft) während der Gemeinsamen Synode bewegte, als er in der Synodenvorlage "Kirche und Arbeiterschaft" den "Schatten von Karl Marx" vermutete. Dieser Vorwurf wurde dann in die Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz getragen, wo sie so in den allen Ordinariaten verfügbaren Protokollen verwurschtelt wurde, daß dieser Vorwurf seine Wirkung tat. In diesem Zusammenhang werden die Namen Andermahr, Oelinger, Budde, Nawroth, genannt, also führende Persönlichkeiten der damaligen Zeit in der westdeutschen. KAB bzw. im wiss. Beirat derselben. Schließlich machte ein mutiger Generalvikar dem Spuk ein Ende, indem er die Protokolle den Betroffenen gegenüber offenlegte.
Das allerdings will ich hier nicht wieder aufrollen, es ist ruhig geworden um diese Auseinandersetzung, nachdem Marx und Neo-Marx offensichtlich nicht mehr als Schreckgespenst taugen und auch die Bedeutung des Staatslexikons aufgrund solcher Artikel nicht besonders gewonnen haben dürfte. Hier ist nur festzuhalten, daß es Nell-Breuning gelungen ist, in seinen letzten Lebensjahren wieder intensiveren Kontakt zur KAB und für seinen Zugang zu den Problemen dort größeres Interesse zu gewinnen. Nachdem er aber inzwischen hochdekoriert und geehrt von der Deutschen Bischofskonferenz kaum noch angreifbar war, mußten wohl CAJ und Teile der KAB die Rolle der Sündenböcke und Prügelknaben übernehmen, was einige dort als besonders ehrenvoll empfinden.
Bei all diesen Unterscheidungen ist außerdem zu beachten, daß es sich bei den inhaltlichen Auseinandersetzungen um die richtige Gesellschaftsanalyse und die richtige Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht um Massenerscheinungen handelt, es waren kleine Kreise von Wissenschaftlern und es waren auch in der Praxis immer einige wenige, früher fast ausschließlich geistliche Präsides, die für ihr praktisches politisches Engagement eine theoretische Fundierung bzw. ein System brauchten, in das sich ihr konkretes politisches Engagement möglichst widerspruchsfrei einordnen ließ. Dorit-Maria Krenn berichtet z. B. daß diese Gespräche vor 1933 deshalb, um die Basis nicht unnötig zu verunsichern, hinter verschlossenen Türen stattgefunden hätten.
9. Persönliche Kontaktprobleme
Es mag aber auch Ursachen haben in dem etwas schwierigen Umgang mit Pater von Nell-Breuning, der sehr schnell oberlehrer-hafte Züge annahm. Ihm argumentativ gegenüberzutreten, hatte man eigentlich keine Chance, man konnte ihm, wenn es um seine Spezialfragen ging, nur andächtig zuhören.
Diese Erfahrung machten aber nicht nur ich oder Leute aus der praktischen Arbeit. Ich habe immer wieder auf dem Freisinger Domberg erlebt, wie schwer sich gestandene Professoren-Kollegen taten, sich ihm zu nähern und Kontakte zu knüpfen. Vielleicht lag das aber auch an seinem hohen Alter, er konnte sich an Personen nicht mehr so genau erinnern und hatte große Probleme mit dem Hören.
Allerdings konnte er auch sehr konzentriert zuhören, bevor er sich äußerte. Aus der Perspektive der KAB-Verbandszentralen war er wohl auch schon seit den 60er Jahren ein alter Mann, der emeritiert war, und man wandte sich an seinen Nachfolger, Pater Wallraff, und konnte über ihn vermittelt die Einsichten und Ansichten von Pater Nell-Breuning erfahren. So jedenfalls habe ich als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der KAB Westdeutschlands das erlebt. Dasselbe war bei den Süddeutschen die Rolle von seinem Ordensbruder Pater Prinz, der die "Christlich-sozialen Werkbriefe" herausgab, und wo Pater Nell 1957 z. B. den Werkbrief Nr. 35/36 zum Thema "Familie, Familienunterhalt, Familienlohn, Familienausgleich" verfaßte.
Als Mitglied der NL der CAJ haben wir mit Pater Wallraff zusammengearbeitet, seinem unmittelbaren Nachfolger, z. B. 1966 als Referent beim 1. Kongreß der CAJ zum Thema "Arbeit gestaltet die Welt". Nell-Breuning war mir zwar von seinen Schriften her ein Begriff, aber es hat keine persönliche Begegnung und keine unmittelbare Zusammenarbeit gegeben. Vielleicht war es auch Respekt oder Zurückhaltung wegen seines hohen Alters, das uns davon abhielt, ihn noch einzuspannen. Jedenfalls war es keine Ablehnung, auch Differenzen gab es nicht.
Als ich vor meiner hauptamtlichen Tätigkeit den Jahreslehrgang im KSI in Bad Honnef besuchte, ging dort zwar Pater Gundlach ein und aus, selbst Pater Rauscher flog damals aus Tokio ein und hielt Vorträge, aber Nell-Breuning habe ich in Bad Honnef nie gesehen. Einmal war er wohl ausweislich der Berichte Referent bei den Honnefer Soziallehretagen, als es um das Bodenrecht ging.
Allerdings hatte er bei der ersten Katholisch-sozialen Woche 1947 in München unter der Präsidentschaft des bayerischen Arbeits- und Sozialministers Heinrich Krehle, einem früheren Christlichen Gewerkschafter, Absolvent der Jahreslehrgänge der sozialen Hochschule Leohaus, einen Vortrag gehalten zum Thema "Christliche Gesellschaftsordnung", der Grundlage war für die weiteren Vorträge zu Fragen der Wirtschaftsordnung, des Sozialismus, des Eigentums der Bodenordnung und der Frauenfrage.
Umso selbstverständlicher und häufiger war er offensichtlich auf anderen Feldern und in anderen Einrichtungen präsent: Politikberatung, Gewerkschaften, Akademie der Arbeit. Einrichtungen und Felder, wo wiederum die KAB nicht so selbstverständlich zu Hause war. Hat er hier ganz bewußt, oder wenigstens instinktiv, wahrgenommen, daß die Kirche etwas gutzumachen hatte. Daß diese Kirche, die sich als Sakrament der Einheit zwischen Gott und den Menschen und der Menschen untereinander verstand, allen jenen wieder Brücken bauen mußte, die sie wegen ihrer eigenen Verhaltensweisen faktisch kirchlich entfremdet hatte? Hat er damit nicht jene Aufgabe wahrgenommen, die die KAB um eine Generation zu spät erkannt und auch dann eher zögerlich, allerdings auch gegen massiven Widerstand aus Kreisen der Kirchenleitungen, zu übernehmen sich anschickte? Erst nach dem 2. Vatikanum und erst nach der Gemeinsamen Synode der Bistümer wurden Gespräche zwischen KAB und SPD und zwischen KAB und den anderen Parteien aufgenommen. Die Beziehungen zu den Gewerkschaften wurden eher durch Vermittlungen der Betriebsseelsorge langsam entkrampft und dann besser, als die KAB schließlich auch bei Betriebsschließungen und Streiks sich solidarisch zeigte und als Bundesgenosse in sozialen Auseinandersetzungen entdeckt und schließlich auch geschätzt wurde.
Das hatte wohl auch persönliche Gründe bzw. mit den Persönlichkeiten zu tun, die miteinander konnten oder nicht konnten. Eigene Profilierungen in programmatischen Positionen verhinderten, daß man miteinander sprach und sich wechselseitig hätte bereichern können. So beklagte sich der Nachfolger von Nell-Breuning, Pater Hermann-Josef Wallraff, in persönlichen Gesprächen immer wieder über den "Buddismus" in der KAB, anspielend auf den Verbandsbildungsleiter der westdeutschen KAB Heiner Budde, der "keine fremden Götter" neben sich dulde. Aber auch in Süddeutschland kann man aus dem Lebensbericht von Msgr. Alfred Berchtold "Mein Weg in der katholischen Sozialbewegung" (aksb Bonn 1984) die Enttäuschung herauslesen, daß Nell-Breuning seinen Ideen einer Laboristischen Ordnung eher ablehnend gegenüberstand.
Abschließend vielleicht noch ein wichtiger Charakterzug von ihm. Wer sich als Arbeiter/in oder Wissenschaftler, oder Politiker in Fragen, die ihm wichtig waren, engagierte und sich mit ihm beriet, konnte anschließend auf seine unbedingte Solidarität setzen und darauf vertrauen, daß er von ihm nicht im Stich gelassen wurde, auch wenn es manchmal an die Grenzen dessen ging, was er von der Sache her noch zulassen konnte.
Vom Kulturkampf und politischen Katholizismus zu einem konziliaren Verständnis von Kirche in der Moderne
Das Zweite Vatikanum entdeckte die Kirche als Kirche und brachte ein kirchliches Selbstverständnis zum Ausdruck, das für die KAB und ihre Traditionen zur existentiellen Herausforderung wurde. Das hat sie auch selbst gesehen als sie 1972 in ihrem Zweiten Würzburger Programm festschrieb: Die KAB ist Kirche und die KAB ist Arbeiterbewegung zugleich.
Nach dem Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanums, wo sie sich als Sakrament, d. h. Zeichen und Werkzeug der Einheit zwischen Gott und den Menschen und der Menschen untereinander versteht, kann das nur heißen: Wenn die Kirche die göttliche Botschaft allen Menschen schuldet, darf sie sich nicht mit parteipolitischen, gewerkschaftlichen, nationalen und anderen Partikularinteressen so gemein machen, daß sie den Menschen den Zugang zur befreienden Botschaft verbaut.
Es gab und gibt Teile der KAB, die deshalb Gespräche zu SPD und Gewerkschaften aufnahmen, um diese Barrieren langsam abzubauen. Und die fanden bei Pater Nell nicht nur immer wieder ein offenes Ohr und Unterstützung, sie konnten sich auf wichtige Vorarbeiten und Klärungen stützen, die er vorgenommen hatte, z. B. bei der Formulierung des Programms der Einheitsgewerkschaft (Konflikt um Victor Argatz) oder bei der Formulierung des Godesberger Programms der SPD. Für ihn war die persönliche Erfahrung des Gewerkschaftsstreites in den Trierer Landen, wo katholische Arbeiter in der Karwoche von Kirche zu Kirche zogen, wo ihnen die Absolution von ihren Sünden verweigert wurde, weil sie in der falschen Gewerkschaft waren, ein wesentliches Motiv für seine Beschäftigung mit diesen Fragen. Hier fühlte er sich wohl auch als Priester herausgefordert.
Im Ergebnis führt dieses moderne Kirchenverständnis, das auch angesichts der gesellschaftlichen Differenzierung nur noch möglich ist und das dem Selbstverständnis des modernen Menschen gerecht wird, (dieser soll ja Träger, Schöpfer, Ziel aller Gesellschaft sein und nicht Objekt der verbindlichen Vorgaben der kirchlichen Autorität) zu verschiedenen Formen der Organisation von Einheit und Pluralität:
- als Kirche gilt es alle die zu einen, die denselben Glauben haben, d. h. es muß Pluralität zugelassen und gefördert werden in Fragen des gewerkschaftlichen und parteipolitischen Engagements, die jeweils ihrerseits darauf angewiesen sind, möglichst auch für Nicht-Katholiken offen zu sein.
- als Einheitsgewerkschaft gilt es, alle die zu einen und zu einer Kampfgemeinschaft zu formen, die ihre wirtschaftlichen Interessen als Arbeitnehmer durchzusetzen haben, und die dabei im Interesse des Gemeinwohls möglichst keine Sonderinteressen zur Geltung kommen lassen dürfen, und deshalb müssen Einheitsgewerkschaften weltanschaulich-religiös offen bleiben .
- als moderne Volkspartei müssen alle die geeint werden, die ein Programmbündel als Kompromiß akzeptieren und politisch durchsetzen wollen, das erfordert im Blick auf weltanschaulich-religiöse Fragen ein Höchstmaß an Offenheit und ebenfalls gewerkschaftspolitische Unabhängigkeit und Offenheit.
Das ermöglicht im Vergleich zum verpflichtenden und geschlossenen politischen Katholizismus auch katholischen Arbeitern, zu wählen, was bis heute nicht überall in katholischen Landen selbstverständlich ist. Hier liegt ein entscheidendes Verdienst von Oswald von Nell-Breuning, hier liegen aber auch die nachhaltigsten Ursachen für die Entfremdung zwischen ihm und der KAB, die viel zu lange Zeit brauchte, um diesen Wandel im Kirchenverständnis für sich umzusetzen. Die Formulierung von Wolfgang Schröder von der hohen "Halbwertzeit" des politischen Katholizismus bringt das sehr gut auf den Begriff. Noch 1974 zum 125-jährigen Jubiliäum des ersten katholischen Arbeitervereins der Welt in Regensburg, durfte der zunächst offiziell als SPD-Vertreter eingeladene Gast Schmitt-Vockenhausen nicht als solcher, sondern nur als Vizepräsident des Deutschen Bundestages begrüßt werden.
Vor diesem Hintergrund kann man heute in der Bildungsarbeit erst vermitteln, welche Konflikte es in der Vergangenheit um dieses Problem gegeben hat. Angefangen von dem vergeblichen Bemühen der kath. Arbeiter, Bischof Ketteler als ihren Kandidaten für den Reichstag zu gewinnen, das abgelehnt wurde mit dem Hinweis, er müsse die Interessen aller Katholiken vertreten; über Konflikte zwischen der Bürgerfraktion des Zentrums und den Christlich-sozialen Vereinen, wenn es um Arbeiterkandidaten ging, die teilweise nur durch Koalitionen zwischen Christlich-sozialen und Sozialisten durchgebracht werden konnten, was dann als Verrat an der katholischen Sache gebrandmarkt wurde; über Konflikte über die Frage der Fürstenabfindung (Elfes): Eskaliert ist das ganze dann wohl um die Frage des allgemeinen Wahlrechts in Preußen, als der Kölner Kardinal den Diözesanpräses Dr. Otto Müller absetzte, der dann kurzerhand als Verbandspräses eingesetzt wurde. Katholische Arbeiter standen immer im Konflikt um die sogenannten "katholischen" Interessen und ihre "Arbeiterinteressen", mit der Folge, daß die "katholischen Interessen", wo sich alle Katholiken einig sein konnten oder eine Einigung durchsetzbar war, Vorrang erhielten (Eherecht, Schulfragen, Abtreibung) als die katholischen Themen ins politische Bewußtsein eingingen und die "Arbeiterinteressen" entweder untergebuttert wurden oder auch da, wo es echte Verdienste gab, z. B. Sozialversicherungen, Arbeitsvermittlung, Betriebsrätegesetz u. a., nicht als katholische Themen und Errungenschaften ins öffentliche Bewußtsein gelangten. Diese Probleme waren einer der Hauptgründe für den Niedergang des Volksvereins, der andererseits vielleicht wie das Samenkorn auch untergehen mußte, nachdem er eine unersetzbare wichtige Aufgabe für den deutschen Katholizismus und die Kirche geleistet hatte.
Erst die gemeinsame Erfahrung in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges und dann schließlich in den Konzentrationslagern Adolf Hitlers hat die führenden Persönlichkeiten beider großer Lager zur Einsicht gelangen lassen, daß dies überwunden werden müsse.
Wenn man heute die Beiträge von Oswald von Nell-Breuning über den Tod des sozialen Katholizismus anläßlich des Katholikentages in Trier unter diesen Aspekten noch einmal durchliest, drängt sich der Verdacht auf, daß nicht in allen Punkten dieser Tod von ihm bedauert wird.
Von der abhängigen Lohnarbeit produktionsmittelentblößter
Arbeiter zu
- rechtlich geregelter Arbeit,
- die soziale Sicherung begründet,
- die Mitbestimmung von der Arbeit her beinhaltet
- Vermögensbildung anstrebt
und weiter entwickelt wird in eine Integration in eine vom Personenverbund
her begründete Unternehmensverfassung, so daß auch in Betrieb,
Unternehmen und Gesamtwirtschaft Demokratisierung und klassenfreie Gesellschaft
entstehen.
Oswald von Nell-Breuning schreibt in "In eigener Sache" 1983
"In meinen ersten Veröffentlichungen - so namentlich in "Kirche und Kapitalismus", Volksvereinsflugschrift 1929 - habe ich aus Loyalität gegenüber der vom Kölner Erzbischof eingesetzten Verständigungskommission und deren als "Kölner Richtlinien" bekannten Vorschlägen mich dem Sprachgebrauch angeschlossen, unter "Kapitalismus" die "auf Kapitalverwendung und Kapitalvermehrung eingestellte Wirtschaftsordnung" zu verstehen. Diese Begriffsbestimmung trifft jedoch für jede nicht völlig stationäre Wirtschaft zu und ist darum nicht geeignet, die Eigenart einer bestimmten Wirtschafts- oder erst gar Gesellschaftsordnung zu kennzeichnen, und trifft schon gar nicht das, was alle Welt, wenn auch noch so diffus, im Sinn hat, wenn man von "Kapitalismus" redet oder über "Kapitalismus" streitet.
Deshalb habe ich diesen Sprachgebrauch schon bald aufgegeben und seither im Sinn von Götz Briefs und namentlich Paul Jostock jene Wirtschaftsweise als "kapitalistisch" bezeichnet, bei der Kapital und Arbeit in der Weise aufeinander angewiesen sind, daß es zwei verschiedene Gruppen von Personen sind, deren eine (nur) Kapital und deren andere (nur) Arbeit einsetzt, wobei der Wirtschaftsprozeß im Ganzen von seiten derer, die das Kapital einsetzen, organisiert und geleitet wird. Kommt hinzu, daß die Gruppe derer, die über das Kapital verfügen und es einsetzen, die gesellschaftliche Minderheit, dagegen die Gruppe derer, die (nur) über ihre Arbeitskraft verfügen, die weit überwiegende gesellschaftliche Mehrheit bildet, dann verwende ich seither dafür die Bezeichnung "kapitalistische Klassengesellschaft", womit klar unterschieden sind einerseits die ethisch indifferente Wirtschaftsweise, die lediglich unter der Rücksicht zum würdigen ist, was sie den an ihr Beteiligten leistet und was sie ihnen abfordert, andererseits die eindeutig abzulehnende und zu überwindende kapitalistische Klassengesellschaft. An dieser Unterscheidung und unterschiedlichen Wertung, die auch der Enzyklika "Quadragesimo anno" (1931) zugrunde liegt, habe ich ohne jedes Schwanken immer festgehalten."
Oswald von Nell-Breuning hat dann in seinem Kommentar zur Enzyklika und in zahlreichen Vorträgen, insbesondere vor Präsides, diese Analyse, verbunden mit seinen Vorstellungen einer "Berufsständischen" oder "leistungsgemeinschaftlichen Ordnung" der Gesellschaft, die nicht mehr um den Arbeitsmarkt konzentriert ist, vorgestellt und erläutert, ist dabei aber offensichtlich auf große Widerstände gestoßen. Auch für die KAB war ihr Bildungs- und Aktionsziel, "Standwerdung der Arbeiterschaft" doch eher auf die religiös sittliche Hebung der Arbeiter und ihre Integration als eigener Stand in die bestehende Gesellschaft gerichtet. Und dies offensichtlich mit sehr unterschiedlichen Akzentsetzungen zwischen West- und Süddeutschland. So daß diese grundlegende Sozial-Reform gegenüber der angestrebten Sozial-Politik noch keine Chance haben konnte.
Dies gilt bis heute. Heute steht aber die Relativierung dieser Fragestellungen an, angesichts der neuen sozialen Frage, der Beschäftigungsfrage und in Verbindung mit ihr, der Familienfrage. Diese gilt es in die alte soziale Frage mit einzubetten.
Diese grundsätzliche Ablehnung der kapitalistischen Klassengesellschaft, die er in den bestehenden Verhältnissen in der Bundesrepublik als gegeben ansah (mit Hinweis auf Götz Briefs nannte er das auch gerne "sozial temperierter Kapitalismus") hielt ihn nicht davon ab, sondern inspirierte ihn geradezu, an allen möglichen Stellen mitzuarbeiten, daß dieser Zustand, wenn schon nicht grundsätzlich zu beseitigen, doch sozial erträglich zu gestalten.
Bereits zu Beginn der Überlegungen zur Neugestaltung der Wirtschaftsordnung gehörte er zu den 17 Professoren,:die den Prozeß der Entwicklung einer Sozialen Marktwirtschaft begleiten sollten. Es lohnt sich gerade angesichts der derzeitigen Entwicklung, seine damaligen Ausführungen zur Sozialen Marktwirtschaft neu zu lesen. Zum Beispiel, daß der Markt nur in bestimmten Intervallen den in ihn gesetzten Erwartungen entspricht und daß die Marktwirtschaft eine ausgesprochene Schön-Wetter-Ordnung ist, die in Zeiten der Krise und der Not nicht funktioniere, und tatsächlich ja auch nicht funktioniert hat. Keine einzige Branchenstrukturkrise ist mit marktwirtschaftlichen Konzepten angegangen worden. Und die augenblickliche, seit nunmehr 30 Jahren anhaltende globale Strukturkrise läßt ja gerade das Schlimmste befürchten, weil die Politik bisher zur Lösung auf den Markt setzt, der damit hoffnungslos überfordert wird. Zitat: "Die Verkehrswirtschaft ist ausgesprochene Schön-Wetter-Wirtschaft, die Verwaltungswirtschaft bewährt sich in Sturm und Not."
Er wurde zu einem anerkannten Fachmann in allen Fragen des individuellen und kollektiven Arbeitsrechts, des kirchlichen Dienstrechts, in Fragen der Mitbestimmung, der Unternehmensverfassung, er beriet in allen Sparten der sozialen Sicherungssysteme, kümmerte sich um Bodenrecht und Baurecht und gehörte auch zu jenen, die im Jahre 1957 die dynamische Rente entwickelt haben, und der bis zuletzt darunter litt, daß Konrad Adenauer aus dem gedachten Drei-Generationen-Vertrag nur einen für zwei Generationen zuließ mit der bis heute andauernden strukturellen Benachteiligung der Frauen und Mütter. Die damallige Zusammenarbeit mit Wilfried Schreiber, einem führenden BKU-Repräsentanten, hat offensichtlich nicht zu einer ständigen Zusammenarbeit mit dem BKU geführt.
In diesen Fragen haben wir im wesentlichen große Übereinstimmungen zwischen Oswald von Nell-Breuning und der KAB, von kurzen, nicht nachhaltigen Diskussionen etwa um die Wiedereinführung des Solidarismus oder der Sozialen Partnerschaft als Begriffe und Programmatik der KAB einmal abgesehen, die der Sehnsucht nach einem geschlossenen verbindlichen katholischen Programm entsprangen.
Eine Besonderheit ist seine etwas widersprüchliche Haltung gegenüber dem Lohnarbeitsverhältnis, das er einerseits grundsätzlich in Frage stellt, eine laboristische Organisationsform würde er gerne grundsätzlich vorziehen, aber bisher gäbe es halt noch kein praktikables Modell. Andererseits beharrte er ganz entschieden auf dem arbeitsrechtlich abgesicherten Lohnvertrag sozusagen als gesicherte Basis, nur von der aus - ohne sie in Frage zu stellen - andere Formen diskutiert werden können. So etwa beim kirchlichen Dienstrecht, wo er sich entschieden dagegen zur Wehr setzte, daß die dortige Dienstgemeinschaft die Arbeit als Religionsausübung begreife, um sie aus der Sicherheit des individuellen und kollektiven Arbeitsrechts herauszulösen.
Oder etwa, als wir in der Unterkommission Unternehmensrecht der KAB Westdeutschlands eine Unternehmensverfassung diskutierten, die es ja nach seiner Auffassung bisher in Deutschland nicht gibt, und dabei die Frage diskutierten, daß die Arbeitnehmer dort Mitglieder des Unternehmens, das hieße auch unkündbar, sein müßten. Da brachte Pater Wallraff aus Frankfrut den Einspruch Nell-Breunings mit, man könne auf das gewachsene Arbeitsrecht nicht verzichten und müsse deshalb eine Lösung suchen, in der die Arbeitnehmer zwar als kollektive Gruppe eine Säule des Unternehmens bilden, der einzelne Arbeitnehmer aber den Schutz des Arbeitsrechts nicht verlieren dürfe
Eine interessante Variante war für mich in der Vorbereitung dieses Referates auch sein Referat zum 100. Jubiläum des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, wo er sich mit Sozialarbeit als Haupt- und Erwerbsberuf auseinandersetzt. Mich interessierte das vor dem Hintergrund einer angeblichen Kontroverse zwischen Nell-Breuning und der KAB um die Frage der grundsätzlichen Bezahlbarkeit von Erziehung und Pflege in den privaten Familienhaushalten, von der Jürgen Borchert ausgeht. Ich zitiere: "Und was bleibt - wenn diese kleine Abschweifung gestattet ist - nach soviel Professionalisierung für den Amateur-Sozialarbeiter noch übrig? Etwas ganz Wichtiges und Unersetzliches. Der Sozialarbeiter soll sich ganz dem Hilfsbedürftigen hinschenken, aber eines hat er nicht zu verschenken, nämlich seine Zeit. Mit seiner Zeit muß er geizen, um sich allen widmen zu können, die ihn brauchen. Den Verlassenen, den Entmutigten, den Geängstigten, den Kranken und den Sterbenden seine Zeit zu schenken, dazu braucht es keine hochspezialisierte fachliche Ausbildung; das ist die Aufgabe und das Vorrecht des Nicht-Professionisten, des Sozialarbeiters aus Liebhaberei." Nachdem er natürlich vorher darauf verwiesen hat, daß die Gesellschaft, die den Sozialarbeiter so dringend benötigt, selbstverständlich die Pflicht hat, seine hochqualifzierte Tätigkeit auch entsprechend qualifiziert zu honorieren, ich sage bewußt nicht "entlohnen", sondern "honorieren". Vielleicht liegt in solchen Formulierungen die Ursache für einige Mißverständnisse über seine Haltung in der Frage der Bezahlbarkeit der Familienarbeit.
Die aktuelle Beschäftigungskrise, ihre Ursachen und Auswege über
die kapitalistische Lohnarbeit hinaus. Hier anzusprechende Stichworte sind:
- Ausweitung des Arbeitsbegriffs,
- des Verständnisses von Wirtschaft,
- die Ausweitung des öffentlichen Sektors;
- die Kontroverse um Bezahlung von Familienarbeit,
- die Relativierung von abhängiger Lohnarbeit und Markt angesichts der
Wirkungen der steigenden Arbeitsproduktivität.
Oswald von Nell-Breuning stellt zunächst fest daß unsere katholische Soziallehre der Vollbeschäftigungspolitik gegenüber lange Zeit hindurch eine befremdlich wirkende Zurückhaltung geübt habe und führt das darauf zurück, daß sie das Ziel dieser Politik als verfehlt erkannt habe. Das Ziel nämlich, die Menschen nur in irgendeine Beschäftigung zu bringen, bei der sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Papst Pius XII habe dafür die Bezeichnung "formale" Vollbeschäftigung geprägt und kennzeichne sie eben damit als unzulänglich. Menschliche Arbeit sei mehr als Beschäftigung zum Gelderwerb. Ziel muß eben darum sein, soviel wie eben möglich alle in sinnvolle, auch für die Gemeinschaft nützliche Tätigkeit zu bringen. Genau das verlange heute Papst Johannes Paul II gleich im ersten Satz seiner Enzyklika über die menschliche Arbeit. (Es ist allerdings der zweite Satz)
Auch bei Johannes Mesner klingt das an, wenn er bereits 1957 in seinem Buch "Die Soziale Frage" den Widerstand der Christlichen Solidaristen gegen die Keyns'sche Beschäftigungspolitik damit begründet oder erklärt, es sei nur um Beschäftigung um der Beschäftigung willen gegangen, womit sie allerdings sicherlich Keynes bitteres Unrecht angetan haben.
Andererseits haben sie sehr überzeugend dargetan, daß der gerechte Lohn für sie nur der Vollbeschäftigungslohn sein könne, weil nur dann das soziale System seine volle Produktivität und seinen optimalen Beitrag zur Versorgung der Menschen mit den nötigen Gütern leiste.
Um so deutlicher muß heute, nach 30 Jahren anhaltend hoher Massenarbeitslosigkeit mit einer beispiellosen Verschwendung volkswirtschaftlichen Reichtums, Schätzungen in der Größenordnung von 7,5 Billionen Euro gehen weit über das hinaus, was die gesamte Staatsverschuldung (Februar 2004 mit 1,3 Mrd. EURO angegeben) ausmacht, dieser Mißstand angeprangert werden.
Die Ursachenanalyse bei Oswald von Nell-Breuning ist klar: Die steigende Arbeitsproduktivität. Und damit liegt er quer zu allen Erklärungsversuchen aktueller Wirtschaftswissenschaft, -journalistik und -politik, auch quer zum Impulspapier der Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz. Im herkömmlichen Industriesektor, auch bei den Dienstleistungen stoßen wir an Wachstumsgrenzen, die er grundsätzlich im industriellen Sektor bei den begrenzten Umweltressourcen, im Dienstleistungssektor in der Bürokratie sieht, außerdem werde die herkömmliche bezahlte abhängige Arbeit durch die Arbeitsproduktivität immer weniger gebraucht. Und das findet er grundsätzlich auch gut so. Das Wachstum des herkömmlichen Sozialproduktes wird auf jeden Fall zum Stillstand kommen. Aber, es gibt wichtige und verantwortungsschwere Tätigkeiten, die von dieser Seite her keiner Begrenzung unterliegen. Dazu zählen einige (nicht alle) Bereiche der Wissenschaft, ebenso gibt es Funktionen im Dienst der Allgemeinheit, die es erfordern, daß der damit Betraute, der Politiker, seine ganze Kraft und seine ganze Zeit dieser seiner Aufgabe widmet, sich ganz und gar auf sie konzentriert, weil er nur so ihr wirklich genügen kann. (Es fällt auf, daß er an dieser Stelle nicht auf die Familienarbeit kommt)
Man beachte demgegenüber die augenblickliche öffentliche Diskussion. Da wird alles mögliche und unmögliche ins Gespräch gebracht, um wieder traditionelles Wachstum anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen, und sei es auf Kosten der Arbeitsproduktivität und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Dagegen steht eindeutig die Tradition, daß es ethisch gesehen keinen Sinn macht, Menschen mit Arbeit zu beschäftigen, die die Maschinen machen kann oder die ökonomisch überholt ist.
Das Problem ist nun, daß wir uns so mit der industriellen abhängigen Lohnarbeit, als stilbildend sozusagen für unser modernes Bewußtsein und unsere Gesellschaftsepoche, identifiziert haben, daß wir ganz einfache Einsichten und Zusammenhänge nicht mehr erkennen. Deshalb brauchen wir eine Ausweitung des Begriffs von Arbeit und eine Ausweitung des Begriffs von Wirtschaft.
Auch wenn er selbst immer wieder diese Begriffe ganz unterschiedlich gebraucht und einsetzt, ist doch mit Blick auf das Beschäftigungsproblem nicht zu verkennen, daß er unter Arbeit nicht nur die abhängige warenproduzierende Lohnarbeit, sondern auch die selbständige Arbeit, die Dienstleistungen, die Sozialarbeit, die Arbeit im kirchlichen Dienst, die Arbeiten bei den hauswirtschaftlichen Dienstleistungen, die Arbeit in der Erziehung in der Familie, ja selbst die liebende Zuwendung und einander Zeit schenken zwischen sich liebenden Partnern, nennt er Arbeit. An dieser Stelle bricht er dann gewöhnlich ab mit dem Hinweis, hier verläßt der Wirtschafts- oder Sozialwissenschaftler sein Terrain und übergibt an den Sozialpädagogen oder Theologen.
Er selbst weist auf drei notwendige Umorientierungen hin, nachdem er bekannt hat, daß auch er noch keine Lösung der Aufgabe anzubieten hat: "Hätte ich eine Lösung der Aufgabe anzubieten, wie bei immer weniger Bedarf nach Arbeit sich immer mehr Arbeitsgelegenheit schaffen ließe, dann würde ich sie hier vorlegen; niemand hat diese Lösung."
1. Verkürzung der Arbeitszeit
verbunden mit der sozialpädagogischen Aufgabe, die wachsende freie Zeit sinnvoll zu nutzen, u. a. auch in der Familienarbeit und in politischer Betätigung. Aber das läßt sich nur bei der abhängigen Lohnarbeit durchsetzen, was wiederum zu einer Tendenz der Verselbständigung von Lohnarbeiten mißbraucht werden kann. Hier war er aber überstütztend tätig in den Tarifkämpfen um Arbeitszeitverkürzung bis hin zur Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, wo seine Haltung ja dann zu interessanten Auseinandersetzungen um die statische und dynamische Variante führte.
2. Loslösung von Arbeit und Einkommen:
Der Anspruch auf das, was er für sein Leben braucht, hat der Mensch auf Grund seiner Menschenwürde, auf Grund der Tatsache, daß Gott ihn so geschaffen hat, daß er das braucht und darum auch das Recht darauf hat. "...Wenden wir diese Erkenntnis, die sich erst in jüngster Zeit in der katholischen Soziallehre durchgesetzt hat, an auf unser Problem der Arbeitsbeschaffung, der Erschließung von Arbeitsgelegenheiten für die Menschen, denen es heute an dieser Gelegenheit fehlt, dann könnte das ein Schlüssel sein, um einen Ausweg aus der gegenwärtigen festgefahrenen Lage zu erschließen."
Will er damit seinem Mitbruder Herweg Büchele beispringen, der ein Konzept "Grundeinkommen ohne Arbeit" vorgelegt hatte. Stützt er damit die Positionen der KAB im Bistum Aachen, die ein Konzept eines unbedingten Grundeinkommens vertritt, ohne Rücksicht darauf, ob jemand arbeitet oder nicht, oder der KAB im Bistum Osnabrück, die ein übliches Konzept Grundeinkommen zur sozialen Absicherung vorgelegt hat. Oder ist es allgemein eine Öffnung der Diskussion für Lösungen in Richtung "Triade der Arbeit", wie sie in der KAB Westdeutschlands vertreten wird oder wie sie auch in den Diskussionen um Bürgergeld von Ullrich Beck vertreten wird? Offensichtlich will er die Diskussion in diese Richtung offenhalten, und diese ist auch nach Angelika Krebs für eine Gesellschaft, die nicht mehr Arbeitsgesellschaft ist, eine Option. Sie allerdings geht davon aus, daß eine solche Gesellschaft auf absehbare Zeit noch nicht ins Haus steht.
3. Entkoppelung von Arbeit und Erwerb.
Zum Verständnis für den Stellenwert dieser Diskussion bei Oswald von Nell-Breuning und in der KAB, und dort kontrovers, ist darauf zu verweisen, daß nach den Ergebnissen der Zeitverwendungsstudien des Statistischen Bundesamtes die produktiven Arbeitsstunden in unserer Gesellschaft sich auf die unbezahlte Familienarbeit und die bezahlte Erwerbsarbeit im Verhältnis 60 : 40 verteilen. Nimmt man bei der bezahlten Erwerbsarbeit den transferfinanzierten öffentlichen Sektor heraus, dann verbleiben allenfalls 20 % der bezahlten Erwerbsarbeitsstunden, die sich am Markte rechnen und vollziehen. Nach Nell-Breuning nimmt nun angesichts der Wirkungen der steigenden Arbeitsproduktivität dieser Prozeß rapide seinen Fortgang, daß der Marktsektor schrumpft und die bezahlte Erwerbsarbeit dort zurückgeht. Gleichzeitig ist mittel- bis langfristig trotz deutlich abnehmendem Erwerbspersonenpotential mit einer noch stärkeren Abnahme der Arbeitsplätze am Markt zu rechnen, so daß nach allem, was wir heute wissen können, die Massenarbeitslosigkeit bis zum Jahre 2040 deutlich zunimmt. Gegenüber dieser Problematik gibt es bisher kein Konzept, die Politik sieht über sie hinweg. Was sie bisher tut, ist der Versuch einer konjunkturellen Belebung, die, selbst wenn sie erfolgreich wäre, an dieser strukturellen Verwerfung nichts ändern würde.
Der Ansatz "Entkoppelung von Arbeit und Erwerb", kommt wiederum mehr der früher in der KAB Süddeutschlands vertretenen "Weidener Erklärung" entgegen . Früher deshalb, weil es die KAB Süddeutschlands seit dem 01. Januar ds. Js. nicht mehr gibt, auch nicht mehr die westdeutsche und offensichtlich die Frage, was aus den programmatischen Konzepten der alten Verbände wird, noch gar nicht aufgeworfen worden ist.
Die Arbeitsproduktivität erzwingt (nach Nell-Breuning) sozusagen einen größeren Anteil an öffentlichen Gütern am Sozialprodukt. Öffentliche Güter, damit ist hier gemeint, alles, was sich nicht über Angebot und Nachfrage am Markt ergibt. Hier bezieht er sich wohl auf frühere Erkenntnisse, wo er das Funktionieren des Marktes nur in Intervallen sieht (Die innerhalb des Intervalls ihrer Funktionsfähigkeit unbestreitbare Überlegenheit der Verkehrswirtschaft (Peters "Interessantes Intervall" besagt daher keine Überlegenheit der Verkehrswirtschaft schlechthin. Die Verkehrswirtschaft ist ausgesprochene Schön-Wetter-Wirtschaft, die Verwaltungswirtschaft bewährt sich in Sturm und Not"
An dieser Stelle tut sich der Zusammenhang auf mit der unbezahlten und weil unbezahlt in der öffentlichen Meinung so erschreckend unterschätzten, um nicht zu sagen, mißachteten "Eigenarbeit" der Hausfrauen und Mütter, die nicht nur in ethischer und religiöser Sicht einen unersetzbaren Beitrag zu unserem Dasein und Wohlsein leisten, sondern auch güterwirtschaftlich durch den Nachwuchs, den sie aufziehen, für die Versorgung derer, die ihr Arbeits- und Erwerbsleben hinter sich haben, die allein tragfähige Grundlage legen, dabei aber selbst für ihr Alter am kümmerlichsten gesichert sind."
Auch hier muß man sich fragen, warum ein so wissenschaftlich orientierter erfahrener Mann sich selbst im Wege steht, wenn er die tatsächliche produktive Arbeit im Haushalt sehen soll. Güterwirtschaftlich besteht die produktive Leistung der Hausfrauen darin, daß sie Güter und Dienste bereitstellen, die weitaus mehr Arbeitsstunden erfordern, als der ganze übrige Markt- und Öffentliche Sektor zusammen genommen.
Schon recht früh hat er dem Wirtschaftssektor Haushaltsarbeit ein literarisches Denkmal gesetzt, das leider - wie er selbst auch immer wieder in persönlichen Gesprächen bedauert hat - in der Diskussion untergegangen ist:
"Wer wirtschaftet? Der griechische Name Oikonomia führt uns auf die Spur; die Haushalte wirtschaften, an erster und heute immer noch überragender Stelle die Hausfrau im kleinen Familienhaushalt. Das ist bitter für die Männer, am bittersten für die Unternehmer, die sich selbst 'die Wirtschaft' nennen und ganz ehrlich glauben, sie oder doch ihre Unternehmen seien die Wirtschaft. (Wenn ein Unternehmen 'wirtschaftet', dann ist es insoweit ein Haushalt) 'Einklang zwischen Bedarf und Deckung', das ist die Aufgabe und zugleich die hohe Kunst des Haushalts. Ein bestimmter Bedarf muß gedeckt werden; mit welchen Mitteln? Und wie sind sie zu beschaffen? Ein bestimmter Vorrad oder laufender Zustrom von Mitteln steht zur Verfügung; auf welche Bedürfnisse können und sollen diese Mittel verplant werden; .. und vor allem: Welche von den unendlich vielfältigen Bedürfnissen sollen mit Vorrang befriedigt werden? Welche Bedürfnisse oder deren Befriedigung passen zueinander und ergeben ein im ganzen sinnvolles Leben im kleinen Haushalt der Familie oder im großen Haushalt der Nation? Zwischen Mittelverwendung (Bedürfnisbefriedigung) und Mittelbeschaffung (Deckung) besteht ein vielfältig dialektisches Verhältnis. Dazu kommt die unübersehbare Vielfalt von Interdependenzen der Beschaffungsmaßnahmen untereinander, der Bedarfsbefriedigungen untereinander und wechselseitig zwischen beiden. Wünscht die Familie sich ein größeres Auto, dann muß die Frau vielleicht wieder verdienen gehen; bei kinderlosen Ehepaaren kann das vernünftig sein und insgesamt zum Einklang von Bedarf und Deckung auf kulturell höherem Niveau führen; in der Familie mit Kindern wird der höhere Verkehrsstandard auf Kosten der Befriedigung von Bedürfnissen gehen, die für das kulturelle Niveau dieser Familie von unvergleichlich größerer Bedeutung sind...."
Trotz der schönen Formulierungen und dem hohen Lied der Hausfrau, es handelt sich auch hier um die traditionelle Haushaltsökonomie, bei der die Hausfrau die Güter des Marktes nutzt und durch deren optimale Kombination den Nutzen und das kulturelle Niveau des Familienhaushalts hebt. Bereits in der Katholisch-Sozialen Woche 1947 in München klingt das an: "Die Hausfrau, die den Inhalt der Lohntüte des Mannes als für sie derzeit vorgegebenen Bestand an Deckungsmitteln so aufschlüsselt, daß ein vielgestaltiger biologischer und kultureller Bedarf auf eine Art und Weise befriedigt wird, daß ein sinnvolles Familienleben herauskommt, das Familienleben ein kulturelles Gesicht erhält, daß zwischen Notwendigkeiten, Nützlichem und Angenehmem ein edler Zusammenklang hergestellt wird, diese Hausfrau "wirtschaftet" und vollzieht damit eine wahre Kulturaufgabe."
Es ist nicht die neue Haushaltsökonomik, bei der die Hausfrau selbst 'arbeitet', ja, sogar den größten Teil der gesellschaftlichen Arbeit beisteuert.
Das hat er wohl erkannt, denn er schreibt später:"Wir leben nun einmal nicht von den (Sach)-Gütern allein, die wir gebrauchen und verbrauchen, sondern in hohem Maße auch von den Diensten, die wir in Anspruch nehmen. Soweit diese Dienste denen, die sie leisten, entgolten, d. i. als Werk- oder Arbeitslohn bezahlt werden, erscheinen sie in der Sozialproduktrechnung; soweit sie den diese Leistenden nicht entgolten werden - das sind vor allem die Dienste der Hausfrauen und der Mütter -, erscheinen sie in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht, obwohl sie von der insgesamt geleisteten Arbeit einen nicht nur qualitativ unentbehrlichen und unersetzbaren, sondern auch quantitativ durchaus nicht unerheblichen Teil ausmachen." Er nennt in diesem Zusammenhang Schätzungen, wonach diese nach Stunden gerechnet der entgoltenen Arbeit gleichkäme oder sie gar übersteige, läßt das aber unerörtert.
Er beklagt, daß diese Arbeit bei weitem unterschätzt zu werden pflegt und öffentliche Aufmerksamkeit nur insofern finde, als die gleichen Hausfrauen und Mütter genötigt sind, zugleich auch noch erwerbstätig zu sein, um das für den Haushalt und für die Aufzucht der Kinder benötigte Einkommen herbeizuschaffen; erst diese Kalamität gilt als "Problem"; für sich selbst gilt dieser ganze Bereich der unentgeltlichen Hausfrauen- und Mütterarbeit als "problemlos".
Auch an anderen Stellen wird immer wieder auf die große Ungerechtigkeit dieser Situation hingewiesen, aber es findet sich tatsächlich keine Stelle, aus der hervorgehen würde, daß die Entlohnung dieser Arbeit sie in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbeziehen, also sie auch öffentlich aufwerten und mehr anerkennen würde und sogar für die betroffenen Frauen und Mütter das ermöglichen würde, was Prof. Kirchhof in neuester Zeit immer wieder beklagt, daß den jungen Frauen die gleichzeitige Wahrnehmung des Grundrechts auf Berufsfreiheit und auf Familie faktisch unmöglich gemacht wird.
Was hat ihn daran gehindert, diesen Schritt zu tun, mit dem er auch die programmatische Diskussion, zum Beispiel in der KAB um diese Fragen, die sehr kontrovers verläuft, weitergebracht hätte, ja, hier hätte er um diese Fragen vielleicht wieder einen generellen Zugang zur KAB-Programmdiskussion finden können.
Was Jürgen Borchert anführt und was er durch entsprechende Aussagen von Nell-Breuning bestätigt sieht, vermag nicht zu überzeugen. Die hier gewählten Bezugspunkte: Lohnarbeitsverhältnis, marktförmige Organisation, sind nirgendwo ernsthaft vorgeschlagen. Es soll auch nicht den Eltern bzw. Familien der überwiegende Teil der Sorge um Kinder und Pflegebedürftige weggenommen oder bezahlt werden, aber doch so, daß der Frau und Mutter eine gleichberechtigte Teilnahme am außerhäuslichen Erwerbsleben und öffentlichen Leben ermöglicht wird. Das ist nach der Schweizer Philosophin Angelika Krebs neben der Frage der Gerechtigkeit eine Frage des Anstandes.
Heute sind wir durch vier Beiträge bzw. die faktische Entwicklung in dieser Frage weiter, die auch vielleicht geeignet gewesen wären, die angeblichen Vorbehalte von Oswald von Nell-Breuning gegen ein Erziehungseinkommen zu beseitigen.
1. Der Papst hat gesprochen: Papst Johannes Paul II. fordert im Zusammenhang mit den Bedrohungen der Arbeitslosigkeit in seinem Brief an die Familien vom 2. Februar 1994, daß die Erziehungsarbeit "auch eine ökonomische Anerkennung" erhalten müsse, und daß dies nicht weniger geltend zu machen sei als jedes andere mit der Arbeit verbundene Recht. Im nachsynodalen Schreiben des Papstes "Ecclesia in Europa" vom 28. Juni 2003 wünscht die Kirche, daß der im häuslichen Leben geleistete Dienst auch in Form einer finanziellen Anerkennung als Beitrag zum Gemeinwohl angesehen wird.
2. Der Verweis auf die Philosophie verläuft nicht mehr ins Leere. Mit der Arbeit von Angelika Krebs "Arbeit und Liebe" liegt eine philosophische Grundlegung vor, hinter die wohl nicht mehr zurückgegangen werden kann.
3. Die Unsicherheit über die Quantitäten ist durch die Zeitverwendungsstudien des Statistischen Bundesamtes beseitigt.
4. Der Problemdruck wird zwingend und widerlegt alle bisherigen offiziellen Erklärungs- und Problemlösungsversuche.
Vielleicht hatte Oswald von Nell-Breuning bereits 1970 in der Auseinandersetzung mit seiner These, "der politische Katholizismus" sei eines sanften Todes entschlafen, die Nase im richtigen Wind. Diese These klingt bei ihm ja keineswegs so bedauernd, wenn er abhebt auf die klassischen Probleme und die politischen Organisationsformen, er selbst hat sich damals ja gewehrt dagegen, daß man ihn mit dieser These auf eine bestimmte Partei hin fixieren wolle. "Vielleicht steckt in den katholischen Familienverbänden noch die Kraft, einiges in Bewegung zu bringen; viele der Schwierigkeiten, die für die traditionellen Sozialverbände bestehen, scheinen mir bei ihnen nicht zu bestehen. Obendrein bestehen gerade in der Familienpolitik die ärgsten Rückstände, so daß hier noch ein Stachel ist, den man spürt."
Die Erwartung in die Familienverbände scheint eher eine riesige Fehleinschätzung gewesen zu sein. Lebte der frühere politische Katholizismus davon, daß er um die katholischen Themen herum eine Einheit zu organisieren verstand und einen klaren Gegenspieler hatte, so setzt man sich heute mit Familienpolitik oder gar Konzepten der Ausweitung unserer Sozialproduktberechnung um die unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit genau zwischen alle Stühle, auch im deutschen Katholizismus. Und selbst die sonst eher zwar kritische aber nahestehende Publizistik, von Publik Forum bis Frankfurter Rundschau, von der Bistumspresse ganz zu schweigen, sind noch nicht mal bereit, über vorliegende Konzepte zu informieren, geschweige denn sie kommentierend zu begleiten.
Auch das gemeinsame Wort der Bistümer "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" hat die damals eingebrachten ausgefeilten Ansätze verschwiegen. Und wenn es versprochen hat, daß dies ja kein letztes Wort gewesen sei und daß nun ein öffentliches Gespräch über den Sinn unseres wirtschaftlichen Handelns einsetzen müsse, dann hat sich offensichtlich bisher niemand gefunden, der dieses Versprechen einzulösen gedenkt.
Aber der Hinweis darauf, daß in der Familienpolitik bzw. in der bisher nicht bezahlten Erziehungs- und Pflegearbeit die entscheidenden Problemlösungspotentiale gegeben sind, der ist richtig.
Stand 09.01.04
Zitate:
"Nach der bisher geläufigen Vorstellung produzieren die
Werktätigen nicht jeder für sich und für seine Bedürfnisse,
sondern jeder für die anderen und deren Bedürfnisse und tauschen
ihre Erzeugnisse wechselseitig untereinander aus... Im Ergebnis bezahle man
sich gegenseitig mit den Erzeugnissen der eigenen Arbeit...
Dabei werden aber die sogenannten öffentlichen Güter übersehen, die in ihrer Bedeutung wachsen werden, und für die der Gegenwert nicht im Lohn ausgedrückt werden kann...
Den heutigen Menschen kann ein immer größerer Teil ihrer Arbeit nicht mehr in Gestalt individuellen Einkommens entgolten werden. Insofern wachsen wir, ohne es zu merken, aus unserer bestehenden Marktwirtschaft hinaus; wir müssen das sehen und wir müssen den Mut aufbringen, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Den arbeitenden Menschen müssen wir die Erkenntnis erschließen, die ihnen geläufige Vorstellung, sie gäben ihre Leistung in das Sozialprodukt hinein und erhielten deren Gegenwert in ihrer Lohntüte zurück, diese Vorstellung stimmt schlechterdings nicht mehr. Wir müssen eine immer größere Zahl von Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigen, der nur öffentliche Güter produziert: äußere und innere Sicherheit, Einhaltung der Rechtsordnung, öffentliche Hygiene, Verkehrswege und Verkehrssicherheit und vieles, sehr vieles andere. Ein immer größerer Teil der am Arbeitsmarkt angebotenen und nachgefragten Arbeit kann auf dem Weg des Austauschs ihrer Produkte auf dem Weg über den Markt nicht mehr entlohnt werden....
An dieser Stelle tut sich der Zusammenhang auf mit der unbezahlten und weil unbezahlt in der öffentlichen Meinung so erschreckend unterschätzten, um nicht zu sagen, mißachteten Eigenarbeit der Hausfrauen und Mütter, die nicht nur in ethischer und religiöser Sicht einen unersetzbaren Beitrag zu unserem Dasein und Wohlsein leisten, sondern auch güterwirtschaftlich durch den Nachwuchs, den sie aufziehen, für die Versorgung derer, die ihr Arbeits- und Erwerbsleben hinter sich haben, die allein tragfähige Grundlage legen, dabei aber selbst für ihr Alter am kümmerlichsten gesichert sind...
Ob und inwieweit ein ursächlicher Zusammenhang besteht zwischen der ungerechten Behandlung dieser auf Erwerbstätigkeit und daraus erzielbares Einkommen, aus dem sie ihre eigene Altersvorsorge bestreiten könnten, verzichtenden Frauen und Mütter und dem Mißverhältnis von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt, müßte untersucht werden. Bestimmt aber könnten für zahlreiche Arbeitsuchende Arbeitsplätze freigemacht werden, wenn Mütter, die für kleine Kinder zu sorgen haben, der Notwendigkeit enthoben würden, zusätzlich auch noch erwerbstätig sein zu müssen, um für ihre Kinder auch noch den Lebensunterhalt zu erarbeiten.... "