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Ein Gespräch zwischen Friedhelm Hengsbach SJ, Werner Kroh und Heiner Ludwig

Wegweiser aus dem katholischen Ghetto

Oswald von Nell-Breuning SJ als kirchlicher Intellektueller.

(Moderation: Matthias Möhring-Hesse und Wolfgang Schroeder)*

Immer hat Oswald von Nell-Breuning darauf bestanden, daß christlicher Glaube praktisch ist. Christlicher Glauben darf sich nicht in Kirchen, nicht in die Privatsphäre einigeln, sondern muß politisch werden. Aber das politische Engagement aus dem Glauben, so schreibt Oswald von Nell-Breuning, ist in gesellschaftliche Handlungsbereiche verwiesen, d.h. die Christen müssen jeweils in verschiedenen außerkirchlichen Arenen aktiv werden, die den politischen Sachverstand des mündigen Christen statt klerikale Bevormundung verlangen.

Der Name Nell-Breuning steht für die Ablehnung jeder Form integralistischer Politik. Mit integralistisch wird eine Politik bezeichnet, in der das Katholische zum politischen Programm erklärt wird. Nell-Breuning lehnt "katholische" Politik ab und zwar deshalb, weil sie die Dialogfähigkeit des christlichen Glaubens in Frage stellt. Aus dem gleichen Grund lehnt er auch eine spezifisch "katholische Soziallehre" ab. Statt einer "katholischen Soziallehre" gebe es, sagt er, lediglich eine Soziallehre der katholischen Kirche: politische Vorstellungen, die von katholischen Christen und ihrer Kirche in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen vertreten werden. Nicht Inhalte, sondern Herkunft definiert das, was Nell-Breuning unter Soziallehre der katholischen Kirche versteht.

Bevor wir beginnen über die Soziallehre von Nell-Breuning zu diskutieren, möchte ich die Gesprächsteilnehmer vorstellen. Da ist zunächst Professor Dr. Friedhelm Hengsbach SJ aus Sankt Georgen, der dort den Lehrstuhl für christliche Gesellshaftswissenschaften innehat und in dieser Eigenschaft quasi Nachfolger von Oswald von Nell-Breuning ist. Als nächsten nenne ich Professor Dr. Heiner Ludwig; er arbeitet im Frankfurter "Haus der Volksarbeit" und ist dort zuständig für Arbeiterbildung. Er ist Honorarprofessor für Sozialethik an der Universität Gießen und an der Universität Frankfurt. Schließlich Dr. Werner Kroh, der seinerzeit eine wichtige Promotion geschrieben hat, in der er sich sehr kritisch mit den theoretischen Grundlagen der Soziallehre aus der Perspektive der "Politischen Theologie"1 auseinandergesetzt hat.

In diesem Gespräch sollen Konzept, Werk und Wirkung seiner Soziallehre diskutiert werden. Zunächst versuchen wir zu klären, was Nell-Breuning unter kirchlicher Soziallehre versteht. Dann gilt unser Interesse seiner Stellung innerhalb der katholischen Kirche. Schließlich soll seine Wirkung auf Kirche und Katholizismus in der Bundesrepublik beleuchtet werden. Zunächst nähern wir uns dem, was Nell-Breuning unter kirchlicher Soziallehre versteht. Wir fragen nach den theoretischen Grundlagen seiner Soziallehre. Werner Kroh, Sie haben sich in Ihrer Dissertation, sehr intensiv mit den theoretischen, vor allem theologischen sowie philosophischen Grundlagen der Nell-Breuningschen Sozialtheorie beschäftigt. Welche Theoriebestandteile haben Nell-Breuning besonders geprägt?

Kroh

Die vier Semester Naturwissenschaften, die er studiert hat, haben sicherlich keine tiefen Spuren bei ihm zurückgelassen. Das wird schon deutlich, wenn man sieht, daß er vier Semester an vier verschiedenen Orten studiert hat: Kiel, München, Straßburg, und Berlin. Das einzige, woran er sich bezüglich dieser Periode seines Lebens erinnert, ist der Kontakt zu den katholischen Sozialreformern, Ludwig Wolker2 und Karl Sonnenschein3, in München und Berlin. Alphabetisierungsarbeit mit Arbeitern - das hat ihn während dieser Zeit geprägt.

Hat ihn die Scholastik, die er studiert hat, wirklich geprägt? Seine Theologie, und das ist ziemlich eindeutig, war die neuscholastische Theologie, wie sie wahrscheinlich überall gang und gäbe war, bis dann durch das 2. Vatikanische Konzil Veränderungen eintraten. Wenn wir die neuscholastische Theorie untersuchen, dürfen wir nicht vergessen, daß diese Metaphysik im Mittelalter selbst einmal Gesellschaftstheorie war. Nämlich die Theorie einer Gesellschaft auf der Basis des Christentums. Dieses Bewußtsein, Gesellschaftstheorie zu sein, ging durch Reformation und Aufklärung verloren. Und es blieb eine Hülse, eine Theorie-Hülse, die gesellschaftlich abstrakt war, weil sie mit der Gesellschaft, in der sie gelehrt wurde, überhaupt nicht mehr vermittelt werden konnte.

Dadurch erklärt sich auch dieser seltsame Bruch zwischen Theorie und Praxis bei Nell-Breuning, der mir während meiner Beschäftigung im Rahmen meiner Dissertation und während meiner Gespräche mit ihm immer aufgefallen ist. Einerseits hat er fortschrittlich in politischen und sozialen Fragen gedacht und andererseits war er theologisch so naiv. M. a. W.: in seinem politischen und sozialen Engagement ist er seiner Theologie völlig davongelaufen.

Ich möchte sagen, daß die "katholische Soziallehre" eine Gesellschaftstheorie sein wollte und will. Dies wird deutlich in der Enzyklika "Quadragesimo Anno", aus dem Jahre 1931, die bekanntlich in großem Maße aus der Feder von Nell-Breuning stammt. Deren inoffizielle Überschrift lautet "Über die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung ind ihre Vollendung nach dem Heilsplan des Evangeliums". Das ar der Anpruch noch etwa in den zwanziger und dreißiger Jhren. Aber eine "katholische Soziallehre" diesen Typs kann heute keine Gesellschaftstheorie mehr sein. Sie müßte zumindest mit den gegenwärtigen Sozialphilosophien im Gespräch stehen. Den Ansprudch hat swie auch gehabt. Nell-Breuning hat doch selbst einmal in einer nachträglichen Rechtfertigung seiner Neuscholastik gesagt, sie sei eine Philosophie, mit der man sowohl an der Wall Street wie auch im Kreml verstanden werden könnte. Welcher Marxist ist aber in der Lage, Scholastik zu verstehen? Und umgekehrt, welcher Scholastiker ist in der Lage, den Marxismus zuv erstehen? Das muß ich doch sehr stark in Frage stellen. In dem Sinne kann die scholastische Sozialphilosophie heute keine Gesellschaftstheorie mehr sein.

Was die "katholische Soziallehre" tatsächlich ist, das hat Nell-Breuning in seiner Praxis gespürt und auch entsprechend verändert: sie ist eine Option für die evolutive Weiterentwicklung des Kapitalismus. Wenn man heute über "katholische Soziallehre" diskutiert, dann muß man darüber streiten, ob das die richtige Option ist. Ich will dies einmal an einem Beispiel verdeutlichen. Die Eigentumslehre der Kirche wollte eine Theorie sein, die für den Aufbau der Gesellschaft grundlegend sein sollte. In "Rerum Novarum" wird sie auch als Theorie eingesetzt. Aus der heutigen Perspektive gelesen, ist sie aber eine Option dafür, daß Arbeiter Eigentum erwerben können sollen. Ich lese also die diesbezüglichen Aussagen von "Rerum Novarum" heute als den Versuch, diese Eigentumslehre im Interesse der Eigentumsbildung von Arbeitern einzusetzen. Von daher wird auch der Sozialismus attakiert, indem gesagt wird: "Ihr seid wahnsinnig, wenn ihr das Eigentum abschaffen wollt. Denn damit nehmt ihr genazu den Proletariern die Möglichkeit, sich gesellschaftlich zu erheben". Da wird Eigentums"lehre" als eine Option gebraucht - und nicht als Theorie.

Werner Kroh verweist auf einen Bruch zwischen scholastischer Theorie und politischer Option im Wirken Nell-Breunings. Pater Hengsbach, wie schätzen Sie die Relevanz des scholastischen und naturrechtsethischen Denkens für Nell-Breuning ein?

Hengsbach

Er redet immer von der Natur der Sache: jeder vernünftige Mensch könne es einsehen, man müsse nur genau hinschauen. Irgendwann hat er mal vier Ebenen des Naturrechtsdenkens unterschieden,. Wenn wir uns über diese vier verschiedenen Ebenen einig würden, könnte es überhaupt keinen Streit mehr geben. Erstens das Naturrecht ist die Sache in sich, ist das Wesen der Dinge. Die Sache in sich ist immer gleich, sie verändert sich nicht, sie ist unantastbar und gilt immer. Dann kommt unsere Einsicht darin. Die kann fehlerhaft sein; da kann und muß man sich verständigen, bis man die Sache dann trifft. Und dann kommt noch die sprachliche Formulieerung. Wenn man anfängt zu formulieren, dann kommen Übersetzungsfehler, Verstehensfehler und Sprachfehler. Schließlich entstehen Probleme bei der Anwendung des Naturrechts.4 Wenn so viele Barrieren gebaut werden, und man dann die Sache selber doch nicht erreicht - das ist reiner Formalismus.

Genau dadurch wird seine Soziallehre auch zur Option, zu einer regulativen Idee: etwa, daß er Mensch Mitte der ganzen Wirtschaft ist, oder daß der Mensch sowohl Person und soziales Wesen ist. Dabei kann diese Option auch manchmal mehr in die eine oder ein andermal wieder mehr in die andere Richtung tendieren. Ebenso wie das Naturrecht werden auch die entscheidenden Begriffe der "katholischen Soziallehre", wie z. B. berufsständische Ordnung und Gemeinmwohl, mit denen man ursprünglich sehr konkrete Dinge verband, von Nell-Breuning entmaterialisiert und formalisiert, um damit leben zu können. Darin sehe ich seine Leistung, daß er dieses ganze Denkgebäude, dieses verknöcherte Gerüst der Neuscholastik oder der tradtionellen Lehre aufbricht und wirklich zu einer regulativen Idee macht.

Aber ist dieser Hinweis auf das formalisierte Naturrecht schon hinreichend um die Theorie Nell-Breunings zu beschreiben? Worin würden Sie die entscheidenden Charakteristika dieser Theorie sehen?

Hengsbach

Es ist für mich zunächst einmal ein Phänomen, daß sich alle auf ihn berufen. Und das geht auch. Er ist konsensfähig. Er ist fast ein Symbol für das "Modell Deutschland", das zwar nicht verwirklichte, aber von allen geschätzte "Modell Deutschland" - das soziale, rechtsstaatliche, demokratische Deutschland. Wie kommt das, daß sich so viele auf ihn berufen? Ich habe vier Punkte, die ich für seinen Ansatz charakteristisch halte.

Das erste ist die Anerkennung der industriellen Gesellschaft, die zur Auseinandersetzung mit den Wiener Vogelsangleuten5 führte. In seinem Kommentar zu "Quadragesimo Anno" kann man das nachlesen. In Abgrenzung von dieser Richtung sagt Nell-Breuning ein wenn auch nicht rückhaltloses, aber ein ganz entschiedenes "Ja" zur modernen Industriegesellschaft. Er akzeptiert die Tatsachen, die reale Welt, in der wir leben - damit verbunden war auch die Akzeptanz der Gewerkschaften. Das hat was mit Philosophie und auch mit Theologie zu tun. Darin zeigt sich seine inkarnatorische Vorliebe: die Anerkennung, daß das, was ist, nicht gottlos sein kann. Deswegen müssen wir der Welt keine neue göttliche Ordnung aufdrängen, denn wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man bereits Wertvolles. Hierin liegt auch der Kern seiner "Sachsucht". Das ist das erste, also das "Ja" zu der Welt, wie sie ist.

Das bedeutet dann aber auch zweitens eine Anerkennung der Eigenständigkeit dieser Realität, dieser Welt, in der wir leben. Eine Autonomie gegen die Ideologien von Prälaten (gegen die redet er dauernd; nicht gegen den Papst, nicht gegen die Bischöfe, sondern in der Hierarchie genau eine Stufe niedriger!), oder von Gewerkschaftsführern, die keine Ahnung haben, wie z.B. Kreislaufzusammenhänge funktionieren, oder von Politikern. Gerade letztere muß ein wissenschaftlicher Berater wie Patienten behandeln, schonend aber jedenfalls wissend, daß sie nicht immer verstehen, was Sache ist. Ein drittes Charakteristikum sehe ich darin, daß es für ihn keinen Widerspruch gibt zwischen dem, was wirtschaftlich vernünftig ist, und dem, was ethisch gefordert ist. Der Widerspruch ist schon logisch nicht möglich, weil derselbe Gott zum einen die ethischen Gebote und zum anderen die Welt geschaffen hat. Also kann es in der Wirtschaft logisch keinen Gegensatz zwischen Sachgemäßem und Sittengesetz geben. Das ergibt sich aus seiner Definition von Wirtschaft. Wenn er erst einmal das wirtschaftliche und das wirtschaftlich Vernünftige so wertgeladen definiert, dann muß es zu einer solchen Tautologie kommen: er wehrt sich gegen die Vermischung von Wert und Sache und belädt die Sache dann mit Wertungen.

Diese Wertungen sind allerdings immer so flexibel, daß er dann auch wieder, das ist das vierte, mit jedem vernünftigen Menschen, so sagt er, Übereinstimmung erzielen kann, und dies sowohl in der Beurteilung der Sache als auch in dem, was normativ gefordert ist. In dieser Weise habe er Übereinkünfte erzielt, beispielsweise mit solch' "vernünftigen Menschen" wie den Sozialdemokraten, nachdem sie mit dem Godesberger Programm so vernünftig geworden sind; mit den Gewerkschaftsfunktionären, nachdem die Gewerkschaften zu Ordnungsfaktoren geworden sind; und mit den Prälaten, nachdem sie endlich eingesehen haben, wie auf der Würzburger Synode6 geschehen, was Sache ist.

Diese vier Charakteristika haben maßgeblich zu seiner Konsensfähigkeit beigetragen. Aber es geht, wie gesasgt, um einen Formelkonsens, der über Idologien, über Parteigrenzen und über Tarifgrenzen hinaus von Juristen, von Arbeitsrechtlern, von Sozilarbeitern, von Gewerkschaftlern und selbst inzwischen noch von der FAZ getragen wird. So würde ich das erklären. Das alles ist nicht Taktik und nicht Gedankenlosigkeit oder Naivität; ich vermute, daß er tatsächlich viel mehr von Kommunkationstheorie, von Kantischer Ethik, von moderner Philosophie und Theologie gelernt hat - ohne daß er sich in diesen Termini ausdrücken kann - , als wir das unter dem Stichwort neuschalstisches Denken zunächst sehen.

Sowohl bei Werner Kroh, als auch bei Friedhelm Hengsbach wird die Bedeutung der theoretischen Grundlegung durch die Neuscholastik eher gering eingeschätzt. Vielmehr wird auf die gesellschaftliche bzw. politische Zielsetzung der Theorie hingewiesen. Könnten Sie sich, Heiner Ludwig, damit anfreunden?

Ludwig

Ich gehe auch davon aus, daß die scholastische Philosophie, die er zwar auswendig kennt und die er auch herbeten kann, wenn das abgefragt wird, für seine faktische Tätigkeit wenig relevant war. Sie war ein Schutzschild für ihn. Wenn er sich mit der Neuscholastik vor dem Konzil hätte kritisch auseinandergesetzt, hätte er sonst nichts mehr politisch tun können. Um so wirksam sein zu können, wie er war, mußte er m.E. so verfahren, wie er es getan hat.  Es ist jedoch ein Unterschied, ob - wie wir alle meinen - zuerst eine Theorie da sein muß und dann der Mensch handelt bzw. - auf unseren Fall angewendet - dann Nell-Breuning zu seinen konkreten gesellschaftspolitischen Ergebnissen kommt, oder ob es faktisch anders verläuft. Also nicht die behaupteten Grundlagen seines Wirkens sind interessant, sondern die faktisch wirksamen.

Vielleicht darf ich das einmal an einem Beispiel erläutern. In "Quadragesimo Anno" steht, daß kein Sohzialist gleichzeitig Katholik oder andersherum, daß kein Katholik gleichzeitig Sozialist sein kann. Dafür maßgebend ist eine Definition von Sozialismus, die von Pater Gundlach stammt.7 Nell-Breuning sagte immer, daß das für ihn die höchste Ebene einer abstrakten Definition war. Diese Verurteilung des Sozialismus - insofern nämlich der Sozialismus die Gesellschaft als bloße Nutzveranstaltung ansähe - sah Nell-Breuning als völlig richtig an. Er führte aber weiter aus - ich zitiere hier aus der Erinnerung: "Als ich nach dem Kriege zum ersten Mal mit einem Sozialisten darüber gesprochen habe, nämlich mit Willi Eichler, sagte der mir, daß das, was ihr da Sozialismus definiert, nämlich Gesellschaft als bloße Nutzveranstaltung, das nennen wir Kapitalismus und lehnen das genauso entschieden ab wie ihr."8 Daraufhin folgte eine intensive Zusammenarbeit mit Willi Eichler und eine Veränderung seiner Einstellung zum Sozialismus.

Auch Sie, Heiner Ludwig, gehen davon aus, daß für Nell-Breunings gesellschaftspoltiisches Wirken das scholastische Konzept nicht von großer Relevanz ist. Der scholastische Ansatz wäre - so vermuten Sie - nur der Schutzmantel für die eigentliche Arbeit, die Nell-Breuning gemacht hat, nämlich sich politisch einzumischen.

Ludwig

Ja, so denke ich schon. Ich möchte aber auch noch etwas zum Thema Naturrecht sagen. Man muß, um nicht mißverstanden zu werden, unterscheiden, um an den modernen Diskussionshintergrund bezüglich des Naturrechts anzuknüpfen: Man kann das vielleicht in einem Satz von Descartes zusammenfassen: "Die Gewohnheit ist uns zur zweiten Natur geworden, sollte nicht die erste Natur nur eine erste Gewohnheit sein." Was die metaphysischen Konstruktionen anbelangt, sind wir sehr skeptisch geworden - metaphysische Konstruktionen, bei denen man dann durch Ableitung oder deduktive Weiterführung zu bestimmten Festlegungen kommt. Aber das Naturrecht ist m. E. unüberholbar als Abwehrrecht genüber tatalitären Verformungen. Man kann vielleicht so formulieren: wir brauchen eine Appelationsinstanz, die uns sagt, das geht nicht, bzw. das ist nicht erlaubt. Das Naturrecht ist sozusagen notwendig als Abwehrrecht. Aber man kann das Naturrecht nicht mehr unbefangen, wie noch z. B. in "Quadragesimo Anno", als Grundlage für den Aufbau einer richtigen Gesellschaftsordnung benutzen. Das hat Nell-Breuning gelernt. Aber er hat darüber keine theoretischen Diskussionen und Debatten geführt, sondern dieser Lernprozeß vollzog sich bei ihm faktisch. Ich finde gerade an Nell-Breuning sympathisch, daß er sich nie darum bemüht hat, eine Lehre, eine "katholische Soziallehre", systematisch aufzubauen.

Wichtig waren für ihn die konkrete Erfahrung des deutschen Gewerkschaftsstreits. Immer wieder - auch heute noch - sagt er, daß das ihn für sein ganzes gesellschaftliches und kirchliches Leben geprägt habe.9 Diese Erfahrung hat ihn sensibilisiert. Er hat immer versucht, der proletarisierten Person in dieser Gesellschaft zu helfen. Um dieses Ziel zu erreichen, d. h. um diese Entproletarisierung des Proletariats von seiner Warte als Theologe, als Priester, als Jurist, Volkswirt und Gesellschaftswissenschaftler weiter voranzutreiben, mußte er sich sachkundig machen, mußte Positionen beziehen. Das macht ihn auch heute interessant, da wir alle in der Auseinandersetzung zwischen herkömmlicher "katholischer Soziallehre" und der Theologie der Befreiung auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage sind, was das eigentlich ist, das unser christliches Wirken für eine Veränderung der Gesellschaft im Unterschied zu anderen Positionen qualifiziert.

Sie alle sind sich also einig darüber, daß Nell-Breuning ein engagierter Intellektueller mit Sachverstand sei, daß aber seine grundlegende Gesellschaftstheorie dafür eher unbedeutend sei. Ich denke, daß dieser Sachverhalt unstrittig ist, daß Sie sich nur über seine Bewertung nicht einig sind. Werner Kroh z. B. wirft Nell-Breuning kritisch vor, daß man auf Basis metaphysischer Denkweise keine Gesellschaftstheorie mehr treiben kann. "Katholische Soziallehre" bei Nell-Breuning sei deswegen nichts anderes als eine Option. Während Heiner Ludwig eigentlich viel weiter geht, indem er sagt, daß man sich - um seine Wirkung zu erklären - gar nicht mit der Theorie, sondern nur mit der realen Politik von Nell-Breuning beschäftigen solle.

Ich denke, daß wir, wenn wir uns mit den theoretischen Anknüpfungspunkten Nell-Breunings auseinandersetzen, noch einen Aspekt etwas stärker herausstreichen müssen: Nell-Breuning als Jurist und Ordnungstheoretikier. Seine gesellschaftspolitischen Entwürfe sind grundsätzlich hierarchisch orientiert, garantiert werden soll die hierarchische Ordnung durch den Staat. Sein erstes Anliegen ist daher immer darauf konzentriert, daß der Staat und die bestehende Ordnung, die er vor Augen hat, in keiner Weise in Frage gestellt wird. Man hat den Eindruck, daß dieses Primat der Ordnung bei ihm eine Grundhaltung ist, die fast unabhängig von den jeweiligen zeitbedingten Konstellationen vorhanden ist. Ist Nell-Breujning also eigentlich ein Positivist?

Ludwig

Man muß zwischen der Herausstellung der Bedeutung einer Ordnung und der Anerkennung der faktisch vorfindbaren Ordnung unterscheiden. Ich denke, daß so ein neuscholastisches Modell, wie es z. B. in Deutschland im 19. Jahrhundert von Ketteler10 vertreten worden ist, es den Katholiken im Unterschied zu den Protestanten ermöglicht hat, die faktisch vorfindbare Ordnung zu kritisieren, weil ein Modell einer anderen Ordnung zur Verfügung stand.

Hengsbach

Ich denke auch, daß man bei Nell-Breuning Vorlieben für das juristische Denken finden kann. Da ist zunächst diese, schon angesprochene Definitionssucht; dann aber auch die Betonung des Positiven - in dem Sinne, daß er so vieles Positive im Bestehenden sieht; und schließlich diese Ordnungsidee, welche auch der Hintergrund der berufsständischen Ordnung ist. Überall findet sich bei ihm die Vorstellung, daß diese Klassengesellschaft, mit ihren zerstörerischen Konflikten in eine andere Gesellschaft übergehen soll, in der die Konflikte, wenn sie noch da sind, nicht zerstörerisch sein sollen. Vor allen Dingen optiert er für einen am Gemeinwohl orientierten Staat, der als einzige Institution dieser Gesellschaft nicht den partikularen Interessen folgt, also eben nicht vor den Karren von Arbeitgebern oder Flick gespannt werden kann. Ich glaube, das sitzt ihm tief im Blut: der Staat, der über den Gewerkschaften, über den Arbeitgebern, oder sonstigen interessenbezogenen Gruppierungen als der Hüter des Gemeinwohls steht.

Wenden wir uns nun dem zweiten Themenkreis zu, nämlich der Stellung Nell-Breunings innerhalb der katholischen Kirche. Zunächst einmal möchte ich Heiner Ludwig fragen: Sie haben Nell-Breuning einmal als die "Frankfurter Furt"11 bezeichnet, Nell-Breuning als Vorkämpfer einer alternativen Soziallehre. Ist das legitimatorische Legende, oder ist Nell-Breuning für Sie wirklich so etwas wie ein Vorkämpfer einer anderen, nicht katholizistischen Soziallehre?

Ludwig

In kirchlichen Auseinandersetzungen ist es heutzutage gut, wenn man sich auf Nell-Breuning berufen kann. Insofern ist er für viele ein Gewährsmann und ein Schutzschild. Und das meinte ich mit diesem Wortspiel Frank"furt". Also eine Furt, durch die man durchgehen kann, wenn es keine Brücken gibt. Mit Nell-Breuning hat man wenigstens eine Furt, durch die man von der einen gesellschaftlichen Gruppe oder von dem einen politischen Lager ins andere kommen kann.

Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen: in der letzten großen Tarifauseinandersetzuung 1984, bei dem Streit um die 35-Stunden Woche, ist jeder mit Nell-Breuning hausieren gegangen. Er hatte gesagt, wenn man fünf Stunden Arbeit abgibt, müsse man auch fünf Stunden Lohn abgeben. Die Gewerkschaften haben ihm den Unterschied zwischen Reallohn und Nominallohn vorgerechnet. Er hat nur gesagt, daß er diesen Unterschied wohl kenne. Weiter hat er sich dazu aber nicht geäußert. Und jeder hat sich auf ihn berufen. Der alte Filou hat damit aber bewirkt, daß der Stuttgarter CDU-Parteitag vom Tabu der 40 Stunden Woche abgekommen ist. Ich möchte behaupten, daß das von ihm auch anvisiert war. Insofern glaube ich, daß Nell-Breuning heutzutage nicht mehr polarisiert, sondern eher vereinen kann. Das war zu anderen Zeiten anders.

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung: Wir haben hier in Frankfurt im letzten Jahr eine Vortragsreihe über den Sozial- und Linkskatholizismus in Frankfurt gemacht und haben über Walter Dirks, Ernst Michel und andere gesprochen. Dabei hat mich erstaunt, daß in diesem Spektrum der Name Oswald von Nell-Breuning fast nie aufgetaucht ist. In dem, was in der Weimarer Republik und was direkt nach dem Krieg als Linkskatholizismus galt, hat Nell-Breuning offensichtlich keine Rolle gespielt. Er hat sich wohl auch ganz bewußt davon ferngehalten.

Friedhelm Hengsbach, Sie haben in der vorigen Runde formuliert, daß Nell-Breuning ein konsensfähiges Symbol für das "Modell Deutschland" sei. Aber wenn man genauer hinschaut, zeigt sich dann nicht, daß das Symbol Nell-Breuning als ein Angebot des gesellschaftlichen Konsenses erst ergriffen worden ist, als er 90 Jahre alt wurde? Das Engagement gegen die Prälaten bis zur Würzburger Synode heißt doch auch, daß sein Konsens-Angebot von den Prälaten nicht ergriffen wurde.

Hengsbach

Er hat natürlich auch eine Lebensgeschichte. Ich vermute, daß in der Weimarer Zeit seine Kontakte zur KAB und zur Gewerkschaftsbewegung eher sporadisch gewesen sind. Er ist damals bekannt geworden als katholischer Wissenschaftler und Priester, der für bestimmte Fragen sachkompetent war, wie z. B. für Fragen des Bodenrechts, Aufwertung, Bodenrecht, Aktienreform - das sind seine ersten Themen. Das sind auch die Themen dieser Zeit, d. h. die Themen der zwanziger Jahre, die von einer galoppierenden Inflation heimgesucht waren. Heute kann sich das keiner mehr vorstellen, wie die Leute mit Körben zur Bank gelaufen sind. In einer solchen Situation fand selbstverständlich auch ein Run auf Grundstücke statt. Insofern hat Nell-Breuning damals die Perversion der Wirtschaft genau an den zwei Punkten auch gepackt: einmal bei der Inflations- bzw. Aufwertungsfrage und zum anderen bei der Frage des Bodenrechts. Das sind die ersten Arbeiten, die Nell-Breuning veröffentlicht hat, und auf diesem Gebieten ist er Fachmann.

Irgendein Beamter aus dem Reichswirtschaftsministerium muß ihn gehört haben, als er 1930 über Aktienreform sprach, und er fand dies wohl sehr überzeugend. Damals hat Nell-Breuning auch mit einer ungeheuren Dynamik geschrieben, wie er sie später kaum mehr erreicht hat. Jener Beamte hat sich achtzehn Jahre später an ihn erinnert und ihn dann in den wissenschaftlichen Beirat für das Wirtschaftsministerium geholt. Er ist also eingestiegen als sachlich kompetenter Wissenschaftler.

Mit der Kirche und mit den Bischöfen hatte er dagegen zunächst nicht viel am Hut. Er ist wohl vorrangig außerhalb der Kirche bekannt geworden. Doch schon bald wurde die Kurie auf seine ökonomische Kompetenz aufmerksam und übertrug ihm daraufhin die Vorbereitung der Enzyklika "Quadragesimo Anno" - und nicht seinem Ordensbruder Pater Gundlach. 1928 ist seine Dissertation "Grundzüge der Börsenmoral", die er an der theologischen Fakultät Münster geschrieben hat, veröffentlicht worden. Er muß daran eineinhalb Jahre gearbeitet haben. 1930 ist er dann mit den Vorarbeiten für die Enzyklika beauftragt worden. Man sieht daraus, daß er sehr schnell als ein wirtschaftswissenschaftlich und natürlich auch moraltheologisch kompetenter Wissenschaftler bekannt geworden sein muß. So hat er also in der Kirche angefangen.

Nach "Quadragesimo Anno" argumentiert er innerkirchlich viel mit dem Lehramt, d .h. eigentlich mit sich selbst, nämlich mit "Quadragesimo Anno" und seinem Kommentar. Vieles von dem, was er nachher "katholische Soziallehre" nennt, steht schon in diesem Kommentar zu "Quadragesimo Anno". Und so will ich meinen, daß er erst in den fünfziger bzw. sechsziger Jahren als Vertreter der "katholischen Soziallehre" hervorgetreten ist. Wenn man sich mit seiner Bibiliographie beschäftigt, sieht man, daß ihn Themen wie "katholische Soziallehre" oder "christliche Gesellschaftsordnung" vor dem 2. Weltkrieg noch gar nicht beschäftigt haben. Ich meine, daß da eine Geschichte der Themen festzustellen ist. Ich weiß gar nicht, seit wann man ihn als "Nestor der katholischen Soziallehre" stilisiert. Ich würde es etwa so Ende der sechziger Jahre lokalisieren, kurz vor der Würzburger Synode. Von diesem Zeitpunkt an wird er dann auch im innerkirchlichen Bereich, und damit meine ich hier u. a. die katholische Arbeiterbewegung, sehr viel stärker rezipiert.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war er in der Kirche nicht konsensfähig. So hat sich die KAB etwa noch 1956 für die christlichen Gewerkschaften ausgesprochen - während Nell-Breuning sich in seinem Urteil zurückhielt. Also die KAB kann frühestens Anfang oder Mitte der sechziger Jahre mit ihm überhaupt....

Ludwig

Erst Mitte der siebziger Jahre: Als wir den Textband12 gemacht haben, hat er gesagt, es sei zum erstenmal seit über zwanzig Jahren, daß man ihn von Seiten der KAB wieder anspricht.

Hengsbach

Das ist umso bemerkenswerter, als die KAB sich heute rühmt, sie habe ihm immer die Treue gehalten.

Kroh

Noch eine Anmerkung zu der Frage der Kirchlichkeit von Nell-Breuning. Es gab Mitte der sechziger Jahre den Streit mit dem BKU13 über die Interpretation der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes"14 speziell über die Frage der Unternehmensmitbestimmung. Nell-Breuning sagte mir einmal, daß dieser Streit zunächst dazu führte, daß der BKU ihn als Berater fallengelassen habe, aber auch dazu, daß er anschließend nie mehr auf einen Katholikentag eingeladen worden sei, um dort zu reden. Das hat ihn sehr geschmerzt. Insofern ist die Würzburger Synode für ihn auch so etwas wie eine späte kirchliche Wiedergutmachung gewesen.

Hengsbach

Das ist interessant! Genau nach der Verabschiedung der Pastoralkonstitution tauchen bei Nell-Breuning die Themen der "katholischen Soziallehre" auf.

Ludwig

Da hatte auch der Wechsel von Pius XII. zu Johannes XXIII. stattgefunden. Für Nell-Breuning hieß das, daß die päpstlichen Berater, die die Enzykliken schrieben, nicht mehr Deutsche waren, deren Denken ihm vertraut war. Das waren nicht mehr er und seine Schüler, sondern es waren Franzosen, die anders dachten und die Sozialverkündigung der Kirche ganz anders verstanden. Daher mußte er sich nun mit der kirchlichen Soziallehre ausdrücklicher befassen.

Heutzutage ist seine kirchliche Stellung dadurch gekennzeichnet, daß alle ihn als Denkmal benutzen, hinter dem man sich verstecken kann. Um dies zu begreifen, muß man wissen, daß der Mann nach vielen wirklich zerreißenden Auseinandersetzungen mit dieser Kirche, die er liebt, endlich seinen Frieden haben will. Ich hab das lange nicht verstanden. Ich möchte ein Beispiel nennen: in den Auseinandersetzungen mit dem BKU, die Werner Kroh gerade angesprochen hat, war sein schärfster Gegner Wilhelm Weber, mein Doktorvater. Gerade den hat er sich erbeten, ihm die Festrede zum neunzigsten Geburtstag zu halten. Er will seinen Frieden haben, und das ist sein gutes Recht mit neunzig und hundert Jahren.

Wir wollen jetzt nach der Wirkung Nell-Breunings auf den deutschen Katholizismus fragen. Es soll jetzt um die Frage gehen, ob und in welcher Weise Nell-Breuning zur Integration der katholischen Christen in das gesellschaftliche und politische System der Bundesrepublik Deutschland beigetragen hat. Zunächst können wir aber noch einmal eng an die vorangehende Fragestellung nach seiner kirchlichen Stellung anknüpfen. Friedhelm Hengsbach hat in anderen Zusammenhängen einmal gesagt, daß er Nell-Breuning als einen Dissidenten innerhalb der Kirche sehe. Als einen Dissidenten deshalb, weil er in den meisten innerkirchlichen Auseinandersetzungen mit seinen Positionen eine Minderheitsposition einahm.

Die Frage zunächst an Heiner Ludwig, sehen Sie Nell-Breuning auch als einen Dissidenten innerhalb der Kirche?

Ludwig

Zur Zeit von "Rerum Novarum" u,nd "Quadragesimo Anno" versuchten die Repräsentanten der "katholischen Soziallehre" die Idee von Leo XIII. zu unterstützen: d. h. sie wollten die Gesellschaften über das Volk verchristlichen, weil es über die Regierungen bzw. über die Repräsentanten des Staates nicht mehr ging. Bei diesem Versuch, die Gesellschaft über das Volk zu verchristlichen, hatte die "katholische Soziallehre" eine wichtige Funktion. Was diesen systematischen Anspruch angeht, war Nell-Breuning zunächst ganz klar der Repräsentant der damaligen Kirche und der damals herrschenden Theorie. Man kann also sagen, daß er in dieser Zeit noch ein ungebrochenes Verhältnis zu seiner Kirche hatte.

Das wird später anders, als er erfahren mußte, daß sich dieses Selbstverständnis der Kirche nicht mehr halten ließ. Da wird Nell-Breuning zu einem Problem - Dissident würde ich allerdings nicht sagen. Er wurde dann in der Kirche wenig verstanden, weil er ein Vorreiter war: Er gab den traditionellen Anspruch "katholischer Soziallehre" bereits auf, als die meisten anderen der Sonderform einer katholischen Kirche unter mittelalterlichen Bedingungen noch anhingen.

Das änderte sich wiederum durch das Konzil. Nach dem Wandel der kirchlichen Sozialverkündigung unter Johannes XXIII. fühlt sich Nell-Breuning wiederum nicht verstanden, weil die neue Sozialverkündigung an ihm vorbeigezogen war. Und er veranstaltet dann auch manchmal wirklich Interpretationsklimmzüge, um die neueren Texte noch in der Art und Weise zu lesen, wie er die vorkonziliaren Texte gelesen hatte.

Das heißt, Sie würden Nell-Breuning als denjenigen beschreiben, der noch aus der katholizistischen Welt entstammt, aber als einer der ersten aus diesem Milieu begreift, daß es mit ihr endgültig zu Ende ist?

Ludwig

Ich will das deutlich machen, indem ich die Wegweiser-Metapher einmal ganz ernst nehme: ein Wegweiser zeigt anderen wohl den Weg, der zu beschreiten ist. Aber ein Wegweiser bleibt stehen, er geht nicht selber. Das stimmt nicht ganz, er ist ein großes Stück vorangegangen. Aber er hatte es zunehmend schwer, sich dann zurecht zu finden.

Kroh

Ob Nell-Breuning ein kirchlicher Dissident ist? Die Antwort darauf hängt ab, von welcher Warte aus man die Sache betrachtet. Wenn ich nachvollziehe, daß für ihn Kirche und Amtskirche immer deckungsgleich waren, dann ist er in der Tat ein kirchlicher Dissident. Insofern er nämlich selbst Teil der Amtskirche ist, war er ein Querschütze und Querdenker innerhalb der Hierarchie.

Wenn ich mir aber auf der anderen Seit klar mache, daß auch er den Typ von Soziallehre repräsentiert, für den das "Modell Bundesrepublik" den Idealtyp von Weltkriche im zwanzigsten und im einundzwanzigsten Jahrhundert darstellt, dann halte ich das für äußerst bedenklich. Er hat die Hinführung der bundesrepublikanischen Kirche an unsere Gesellschaft mitbetrieben und er hat sich damit auch immer identifiziert. Wenn das - ekklesiologisch, kirchentheologisch gesprochen - die Vision ist, die hinter seinem Denken steht, daß die Weltkirche nach dem Typ bundesrepublikanischer Kirche mit ihrer Soziallehre und mit ihrer marktwirtschaftlichen Option zu gestalten sei, dann sag ich: Nein! Unter dieser Perspektive ist er kein kirchlicher Dissident, dann ist er kirchlich viel zu konform.

Dann wäre er ein Mandarin, ein Beamter der bundesdeutschen Kirche. Werner Kroh, Sie würden sagen, daß die Metapher des Wegweisers richtig ist, daß der Wegweiser Nell-Breuning aber in die falsche Richtung führt?

Kroh

Ja, wenn man so will. Da müßte man allerdings weiter diskutieren.

Hengsbach

Das sehe ich etwas anders. Die Zustimmungsfähigkeit seiner Position in der Kirche wechselte auch. In den dreißiger Jahren hat er die Position eines weltoffenen dialogfähigen Katholizismus vertreten, der keine gesellschaftliche Sonderwelt einrichtet. Ich habe den Eindruck, daß das in den dreißiger Jahren im westdeutschen Raum eine breite Mehrheit hatte. Es kann sein, daß er dann in einer Kirche, die sich mit einer solchen Option nicht mehr wohl fühlt, isoliert wurde.

Und es könnte sein, daß seine Positionen auch heute noch nicht konsensfähig sind. Ich will das auch an verschiedenen Punkten aufzeigen:

Erstens: seine Vorstellung zum kirchlichen Dienst. Seine Vorstellung, daß im kirchlichen Dienst normale Arbeitsverhältnisse eingerichtet werden sollen, ist absolut nicht konsensfähig innerhalb der Hierarchie, wahrscheinlich auch nicht innerhalb der Kirche allgemein.

Zweitens: die Position der bundesrepublikanischen Kirche im wertgebundenen, aber weltanschaulich neutralen Staat. In der Grundwertedebatte hatte er am Ende, wie er meint in Übereinstimmung mit Helmut Schmidt, die These vertreten, die Kirche könne nicht erwarten, daß sie die authentische, für den Staat verbindliche Interpretation des Grundgesetzes liefert. Die Gesellschaft als Ganzes interpretiert das Grundgesetz. Wenn die Kirche da Einfluß nehmen kann, ist das begrüßenswert, aber der Staat kann nicht von einer gesellschaftlichen Teilgruppe die allgemein verbindliche Interpretation übernehmen. Diese These ist auch nicht konsensfähig. Das hat z. B. Auswirkungen beim § 218 StGB, ober bei der Frage, was die einzelnen Grundwerte bedeuten.

Schließlich die Frage der Kirchensteuer. Da hat er - so um 1969/ 70 - die These vertreten, daß es für die Kirche hinreichende Gründe gebe, sich darauf einzustellen, vom Staat wie ein Verein behandelt zu werden, und ihre Beträge selbst einzukassieren.

Insofern gilt er zwar als Symbol für das "Modell Deutschland", das allgemein konsensfähig ist. Aber innerkirchlich ist er gar nicht konsensfähig. Wenn er für die Erfahrungen der 3. Welt noch genug Zeit und auch die Sensibilität, die er früher hatte, gehabt hätte, könnte ich mir kaum vorstellen, daß er für die Weltkirche ein "Modell Deutschland" abgeben könnte.

Ludwig

Friedehlem Hengsbach hat eben Nell-Breuning als Symbol für das "Modell Deutschland" eingeführt, und jetzt lehnt er es wieder ab. Ich denke, das wird ihm auch wirklich nicht gerecht.

Wenn ich vorhin gesagt habe, daß er in den zwanziger Jahren im Unterschied zu dem anderen, damals mächtigen Interpretationsmodell der Vogelsang-Schule, die Hinführung zum Kapitalismus mit betrieben hat, dann meinte ich folgendes Plädoyer: die Katholiken sollten die kapitalistische Wirtschaftsweise, nicht aber die kapitalistische Klassengesellschaft akzeptieren. Das ist seine Marschrichtung! Das hat später seine Einschätzung der bundesrepublikanischen Entwicklung zur Folge, daß er in Auseinandersetzung mit dem Ehrhardschen Modell sozialer Marktwirtschaft sagt, akzeptabel wäre nur eine bestimmte Form, die er sich in folgender Weise vorstellt: politisch werden Ziele und Bedingungen des Wirtschaftens definiert, und dann kann das Wirtschaften selber kapitalistisch vor sich gehen. Ob das blauäugig ist, sei mal dahin gestellt. Aber daran gemessen haben wir heute keine soziale Marktwirtschaft, sondern allenfalls einen "sozialtemperierten Kapitalismus", wie er sagt und den er sehr kritisch beurteilt.

Insofern glaube ich, daß man nicht einfach sagen kann, daß er ein Ideologe des  "Modells Deutschland" sei und einer, der die gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik unhinterfragt akzeptiert.

Ich möchte, die Frage nach der Wirkung Nell-Breunings auf den Katholizismus noch einmal zuspitzen. In diesem Gespräch wurde er auch als ein sensibler Indikator dafür begriffen, daß es mit dem katholischen Milieu, dem er entstammt und dem er verbunden ist, unter gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr weiter geht. Nell-Breuning wurde als Wegweiser aus dem Katholizismus vorgestellt - als Wegweiser in die demokratisch organisierte, kapitalistisch unterfütterte Gesellschaft der Bundesrepublik. Mich interessiert dann die Frage, wie Nell-Breuning, der die Katholiken aus dem Katholischen herausweist, gleichzeitig als "Nestor" ihrer Soziallehre akzeptiert wird. Hat er den Katholiken das Ende katholischer Politik katholisch verkauft, ihnen gleichsam gesagt, daß wer am bundesrepublikanischen Modell teilnimmt, "katholische Soziallehre" anwendet?

Ludwig

Mir läge viel daran, an dieser Stelle präziser zu formulieren. Wenn man feststellt, daß Nell-Breuning aus dem Katholizismus herausgeführt hat, dann kann damit nur gemeint sein, daß er aus einer Sonderwelt herausgeführt hat, die selbst innerhalb der katholischen Kirche - auch schon vor dem Konzil - als Ghetto oder m. a. W. als eine Sackgasse verstanden worden ist. Durch die gesellschaftlichen Veränderungen verschiedenster Art waren diese katholischen Sonderwelten nicht mehr aufrechtzuerhalten. Auf dem Weg aus diesem Katholizismus war Nell-Breuning ein Stück wegweisend.

Aber er war ein Wegweiser mit eigenem Inhalt! Ich komme noch einmal auf seine Ordnungsvorstellungen zurück, vor allem auf die Idee der Ordnungsfunktion des gemeinwohlorientierten Staates. Gemeinwohl ist bei ihm auch ein Organisationsbegriff: der Staat muß so organisiert sein, daß er die Selbstverwirklichung der Einzelnen und der Gruppen in dieser Gesellschaft gewährleistet. Diese abstrakte Ordnungsfunkton des Staates muß ganz scharf getrennt werden von der konkreten und kritisch zu hinterfragenden Ordnung. Diesen kritischen Maßstab hat er in die Auseinandersetzungen der pluralistischen Gesellschaft eingebracht. Immer dann, wenn er diese zentralen Punkte gefährdet sah, dann schaltet er vom Theoretiker zum intervenierenden Intellektuellen um. Und er zeigte den Katholiken auf, daß sie diesen kritischen Maßstab nur verwirklichen können, wenn sie in den gesellschaftlichen Gruppen, wie z. B. in der Gewerkschaft, mitarbeiten.

Pater Hengsbach, vielleicht können Sie als Sozialwissenschaftler einmal zusammenfassen, an welchen Stellen Nell-Breuning überhaupt etwas bewirkt hat.

Hengsbach

Ich will vier Felder nennen, in denen er etwas bewegt hat - bzw. zur Bewegung mit beigetragen hat, um es vorsichtiger zu sagen.

Das erste ist, daß er die Marktwirtschaft, die er als Steuerungsinstrument anerkennt, durch soziale Korrekturen - aber auch wirklich entscheidende soziale Korrekturen - erweitert sehen will. Da hat er auch etwas bewirkt, z. B. was eine sozial befriedigende Verteilung angeht: den interpersonalen und intertemporalen Ausgleich. Ich meine, daß er mit daz beigetragen hat, daß die ökonomischen Verhältnisse nicht noch schlimmer sind, als sie jetzt sind.

Zweitens: die Gewerkschaften als Ordnungsfaktor. Man kann darüber streiten, ob das ein positives Ergebnis ist, aber ich würde es jedenfalls nicht ohne weiteres schon als negativ bezeichnen. Es hat den Arbeitenden in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern Vorteile gebracht.

Drittens: die Transformation oder die Ergänzung der Marktwirtschaft durch eine Unternehmensverfassung. Auch da kann man immer wieder fragen, was hat denn die Mitbestimmung gebracht. Ich bin mir aber sicher, daß sie besser ist als keine Mitbestimmung.

Und viertens: Arbeiterbewegung und Kirche. Da haben Veränderungen seit der Synode in Würzburg stattgefunden: Frankfurt, Rheinhausen oder die Kooperation im Tarifkonflikt um die Sontagsarbeit. Zwar geschieht dies alles nur an der Basis, dennoch muß man feststellen, daß das Klima anders geworden ist.

Das sind so vier Punkte, an denen Nell-Breuning etwas bewirkt hat - wenn auch , wie er selber sagt, unendlich mühsam und zäh.

Indem er die katholischen Christen motiviert hat mitzumachen? Würden Sie es beschreiben, daß er die sozialen Korrekturen der kapitalistischen Ökonomie gleichsam refordermisch als Wirtschaftsberater außerkirchlicher Instanzen durchgesetzt hat. Oder ist es so, daß er den Katholiken gesagt hat, macht mit - aber nur unter den und den Bedingungen?

Hengsbach

Nein, die Katholiken sind nun wirklich nicht seine Truppe. Ich denke, daß er eher Erfolge als Wirtschaftsberater gehabt hat. Etwa beim Leber-Plan:15 Durch den Leber-Plan hat eine sehr kleine Verteilungskorrektur stattgefunden. Man kann fragen: was bringt das? Die Gewerkschaft Bau-Steine-Erden gehört doch nicht zu den Großen; das hat doch keine Auswirkungen. Es ist aber ein Punkt, an dem diese Idee, die er immer verfochten hat, die an sich korrekt ist und auch akzeptiert wird - daß nämlich eine Veränderung der Einkommensverteilung nur über Anteile am Produktionsmittelvermögen möglich ist, nicht über Konsumlohn - in der Praxis durchgesetzt worden ist. Der Leber-Plan ist wenig, aber mehr als nichts.

Werner Kroh, auch an Sie die Frage: was hat Nell-Breuning in der Bundesrepublik bewirkt?

 Kroh

Friedhelm Hengsbach hat die Ambivalenz seiner Wirkung angesprochen: "Es zumindest mitbewirkt", "es ist nicht wenig", "es ist mehr als nichts". Eindeutiger läßt es sich wahrscheinlich auch nicht sagen, wenn man nicht in ganz konkrete Details hineingeht. Man müßte dann z. B. untersuchen, wie bei der Sozialreform von 1953 oder bei der Rentenreform von 1957 konkrete Einflüsse von katholischen Sozialwissenschaftlern ausgegangen sind. Da kann man natürlich akribische Untersuchungen durchführen. Aber da kommen wir jetzt nicht weiter. Nell-Breuning ist in gewisser Weise für Katholiken das personifizierte schlechte Gewissen unserer Gesellschaft, weil wir uns alle mit dieser Gesellschaft arrangiert haben und auch ganz gut in ihr leben. Wir müssen uns nun mit Recht von Leuten wie Nell-Breuning sagen lassen, daß da nicht alles so goldig ist, wie es ausschaut. Und dennoch arrangieren wir uns damit, wie er es im übrigen auch tut.

Am Anfang des heutigen Gesprächs war davon die Rede, wie sich der Gewerkschaftsstreit, den er in seiner Jugend vielleicht mehr am Rande miterlebt hat, auf sein Engagement für die Einheitsgewerkschaft nach dem zweiten Weltkrieg ausgewirkt hat. Er war also ein Gegner sowohl sozialistischer, marxisitischer wie auch christlicher Richtungsgewerkschaften. Genauso kann man sagen, daß der Integralismus um die Jahrhundertwende, mit der Diffamierung sogar des Zentrums, mit der Diffamierung christlicher Gewerkschaften sich in seinem Engagement für diese konkrete bundesrepublikanische Kirche ausgewirkt hat. Der politische Katholizismus war spätestens nach dem 3. Reich tot, und Nell-Breuning hat dazu beigetragen, daß sich die Katholiken aus der katholischen Sonderwelt in die plurale Gesellschaft hineingewagt haben.

Das ist die eine Seite. Ich muß trotzdem nochmal auf die andere Seite zu sprechen kommen, um nicht mißverstanden zu werden. Ich würde niemals sagen, er war Ideologe in dieser oder jener Richtung, etwa im Sinne einer Versöhnung mit der sozialen Marktwirtschaft. Die Frage aber ist, wie sich eine Position von Soziallehre in unserer Gesellschaft faktisch auswirkt. De facto bilden unsere Gesellschaftsordnung und der Typ von Soziallehre, den Nell-Breuning repräsentiert, eine Einheit. Diese Soziallehre wird dazu benutzt, um eine Priorität der Ordnung gegenüber der Veränderung zu behaupten. Wir müssen aber heute grundsätzlich fagen: ist es denn tatsächlich noch so, daß die Veränderung sich gegenüber der bestehenden Ordnung zu legitimieren hat, oder muß man nicht heute einmal den Spieß umdrehen. Es ist doch heute, im Weltmaßstab betrachtet, zunächst einmal so, daß sich unsere Gesellschaft, daß sich unsere Ordnung zu legitimieren hat gegenüber dem, was an Veränderung möglich wäre. Das ist eine Umkehrung der Sichtweise. In dieser Richtung lautet dann meine Anfrage an die bundesrepublikanische Kirche: kann ich mit diesem Gesellschaftsbild und mit diesem Kirchenbild ins nächste Jahrtausend gehen? Wenn ich jetzt noch sehe, daß die Konflikte zwischen Kapitalismus und Sozialismus uns unter der Hand entschwinden, dann frage ich, wo die 3. Welt bleibt. Ich glaube nicht, daß die 3. Welt von dem Verschwinden des Gegensatzes von Ost/West profitieren wird. Ich muß als katholiche Kirche, die doch eine 3.-Welt-Kirche ist, die Frage stellen, ob die ordnungskonforme Soziallehre die Perspektive für die Zukunft ist.

Ludwig

Aber da würde sich Nell-Breuning von Ihnen überhaupt nicht unterscheiden. Der Unterschied taucht doch erst da auf, wenn man fragt: Was machen wir jetzt? Wie müssen wir handeln?

Kroh

Und da würde ich wieder die Frage stellen: Heißt das, wir können erst einmal so weitermachen wie bisher, weil wir keine Alternative kennen, die sich schon als genauso funktionsfähig erwiesen hat.

Ludwig

Hat er nie gemacht.

Kroh

Aber faktisch wirkt das so.  Ich sage nicht, daß er das macht, sondern daß seine Soziallehre sich gesellschaftlich und kirchlich so auswirkt.

Ludwig

Auf jeden Fall wäre zu fragen, wie machen wir - wenn man diese emphatische Beschreibung einer gegenwärtigen Unrechtssituation als richtig ansieht - den nächsten Schritt in Richtung auf ein bißchen mehr Gerechtigkeit, anstatt nur große Entwürfe anzufertigen.

Vielleicht kann man sagen, daß Nell-Breuning Einfluß auf die Entwicklung der Bundesrepublik genommen hat, indem er zumindestens den Katholiken beigeberacht hat, am ökonomischen und politischen Geschehen dieser Republik teilzunehmen und sich nicht am Rande zu halten. Doch wurde am Ende unseres Gesprächs sehr massiv die Frage gestellt, ob es heute an politischer Orientierung "katholischer Soziallehre" ausreicht, einfach nur mitzumachen. Oder braucht es so etwas wie Brechungen und Unterbrechungen eingespielter Orientierungen, die Nell-Breuning selbst nicht getan, aber wohl auch nicht ausgeschlossen hat.


*Dieses öffentliche Gespräch fand am 25.02.1990 in Frankfurt/M statt. Eingeladen hatten das Sozialinstitut der süddeutschen KAB für Arbeitnehmerbildung (Vohenstrauß) und das Referat Kirche und Arbeiterschaft beim Frankfurter Bildungswerk. Die Traskription und Überarbeitung besorgte Andreas Möhring.

1 vgl. Kroh, W. (1982)

2  Ludwig Wolker (1887-1955) war katholischer Priester und in der Nachkriegszeit dann Leiter der bischöflichen Hauptstelle für die kathlolische Jugend im Haus Altenberg. Während der Weimarer Republik organisierte er ein "Aerbeiter-Unterrichtswerk", in dem Nell-Breuning mitwirkte.

3 Karl Sonnenschein (1876-1929) war katholischer Priester und Gründer des "Sekretariats soziale Studentenarbeit", in dem Nell-Breuning mitwirkte.

4 vgl. Nell-Breuning, O.v. (1972c)

5 Konservative Orientierung im politischen Katholizismus durch Karl Freiherr von Vogelsang (1818-1890), der auf eine scharfe Verurteilung der kapitalistischen Ökonomie bestand, die er durch Wiedererrichtung der "katholischen" Gesellschaftsordnung überwinden wollte; vgl. dazu Nell-Breuning, O.v. (1980a).

6 Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland in Würzburg (1971-1975)
Nell-Breuning war maßgeblich an der Vorbereitung des Synodenpapiers "Kirche und Arbeiterschaft" beteiligt und konnte seine Position zur fortwirkenden Entfremdung von Kirche und Arbeiterschaft trotz harter Auseinandersetzungen auf der Synode und in der katholischen Publizistik erfolgreich durchsetzen.

7 vgl. dazuNell-Breuning, O.v. (1967a)

8 vgl. Nell-Breuning, O.v. (1972d) 81

9 vgl. Nell-Breuning, O.v. (1967b)

10 Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler (1811-1877) hat als erster und weithin einziger deutscher Bischof die gesellschaftliche Bedeutung der "Arbeiterfrage" erkannt und in seinen Predigten, Reden und Schriften soziale Reformen im Interesse des Proletariats gefordert.

11 unter der Überschrift "Nicht doch eher Kellerkinder? Person und Lebenswerk Oswald von Nell-Breunings richtig sehen" in Publik-Forum Nr. 1/1984 10f

12 "Texte zur katholischen Soziallehre. Die sozialen Rundschreiben der Päpste und andere kirchliche Dokumente. Mit einer Einführung von Oswald von Nell-Breuning SJ", herausgegeben durch den Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands in erster Auflage 1977

13 Bund katholische rUnternehmer

14 pastoraltheologisches Dokument des II. Vatikanischen Konzils "über die Kirche in der Welt von heute" (1965)

15 Der Leber-Plan wurde 1964 von dem damaligen Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden, Georg Leber, veröffentlicht. Leber knüpft dabei weitgehend an ordnungspolitische Gedanken von Nell-Breuning zur Umverteilung von Unternehmensgewinnen an. Der Plan wurde Grundlage des ersten großen Tarifvertrags über vermögenswirksame Leistungen in der Bundesrepublik. Dieser Vertrag zwischen der IG Bau-Steine-Erden und den Arbeitgeberverbänden des Baugewerbes trat Anfang 1966 in Kraft und gilt für 1,6 Millionen Arbeitnehmer.